FRIEDRICH HEBBEL (1813-1863): An den Tod (1857)

Gedicht | Kurzinformation | Interpretation | Verfasser/in | Quellen | LEXIKON

Gedichttext hinauf

FRIEDRICH HEBBEL
An den Tod

Halb aus dem Schlummer erwacht,
Den ich traumlos getrunken,
Ach, wie war ich versunken
In die unendliche Nacht!

Tiefes Verdämmern des Seins,
Denkend nichts, noch empfindend!
Nichtig mir selber entschwindend,
Schatte mit Schatten zu eins!

Da beschlichs mich so bang,
Ob auch, den Bruder verdrängend,
Geist mir und Sinne verengend,
Listig der Tod mich umschlang.

Schaudernd dacht ichs und fuhr
Auf und schloß mich ans Leben,
Drängte in glühndem Erheben
Kühn mich an Gott und Natur.

Siehe, da hab ich gelebt:
Was sonst, zu Tropfen zerflossen,
Langsam und karg sich ergossen,
Hat mich auf einmal durchbebt.

Oft noch berühre du mich,
Tod, wenn ich in mir zerrinne,
Bis ich mich wieder gewinne
Durch den Gedanken an dich!

Quelle:
hier klicken

Vorgelesen:
keine Aufnahme
Kurzinformation hinauf

Autor/in: Hebbel, Friedrich
Titel: An den Tod
Thema: Tod
Gedichtform: z.B. Sonett
Erscheinungsjahr: 1857
Zeilen: 24
Link: hier klicken
Rezensent/in: MartinMichel
Schwierigkeit: mittelschwer

Interpretation hinauf

Das Gedicht "An den Tod" von Friedrich Hebbel ist ein sehr tiefgreifendes Werk, das um 1837 verfasst wurde. Es entspricht dem damaligen Zeitgeist der Romantik, vor allem durch die im Gedicht ausgedrückte empathische Todessehnsucht.
Das Gedicht umschreibt offenbar eine Nahtoderfahrung, die das lyrische Ich durchlebt hat. Das zunächst ängstliche und unsichere lyrische Ich wird zunächst vom Tod „umschlungen“ und bemerkt danach, dass es durch diesen Umstand sich des Lebens bewusst wurde und sich dessen von neuem erfreute. Das ganze Gedicht ist kohärent, dass heisst in sich selber geschlossen und logisch. Das strikte Reimschema von den umarmenden Reimen und Anwendung der Kadenzen, aber auch das Vorkommen von Ausrufezeichen in der ersten und letzten Strophe deuten darauf hin. Daneben gibt es dem Reimschema entsprechende Kadenzen. Die Einfachheit der Sprache untermauert die Willkür des Todes. Das unregelmässige Metrum mit verschiedenhebigen Daktylen unterstreicht seine differenzierte Anschauung der damaligen Welt. Einerseits nimmt er an, dass der Tod nichtsdestotrotz seine guten Seiten hat, jedoch nicht, da er dann ins ewige Leben überschreiten kann, sondern viel mehr, um sich des Lebens bewusst zu werden. Wann immer es dies vergisst, möchte es wieder vom Tod daran aufmerksam gemacht werden. Dies lässt darauf schliessen, dass er nicht an das ewige Leben nach dem Tod zu glauben scheint, da sonst der Tod nur eine "Zustandsänderung" und somit nichts Gravierendes wäre. Hebbel’s Zitat „Das Leben borgt seinen höchsten Reiz vom Tode; es ist nur schön, weil es vergänglich ist“, suggeriert des Weiteren diese Auslegung des Werkes. Die in der Romantik spezifische Fokussierung auf die Individualität wird zudem durch die Personifikation des Todes weiter verdeutlicht. Der personifizierte Tod wird somit ins Zentrum gestellt, was auch bei der Anwendung von Apostrophen ersichtlich wird. Es ist gut möglich, dass das Gedicht zu einem Teil autobiographisch ist, dass heisst, dass Hebbel in diesem Gedicht seine eigenen Erfahrungen bezüglich dem Tod verarbeitet hat.

Verfasser/in hinauf

Martin Michel, Neue Kantonsschule Aarau (3B), hat drei weitere Favoriten:

Quellen & Links hinauf

.