Friedrich Hebbel (1813-1863): Sommerbild (1844)

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Gedichttext hinauf

Friedrich Hebbel
Sommerbild

Ich sah des Sommers letzte Rose stehn,
Sie war, als ob sie bluten könne, rot;
Da sprach ich schauernd im Vorübergehn:
So weit im Leben, ist zu nah am Tod!

Es regte sich kein Hauch am heißen Tag,
Nur leise strich ein weißer Schmetterling;
Doch, ob auch kaum die Luft sein Flügelschlag
Bewegte, sie empfand es und verging.

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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Hebbel, Friedrich
Titel: Sommerbild
Thema: Leben und Tod
Gedichtform:  
Erscheinungsjahr: 1844
Zeilen: 8
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Rezensent/in: PhilippWassmer
Schwierigkeit: anspruchsvoll



Interpretation hinauf

In dem wohl berühmtesten Gedicht Hebbels, das im August 1844 in Paris entstand, begegnet das lyrische Ich der letzten Rose des Sommers. Die Gegebenheit, dass es die letzte Rose des Sommers ist und sie blutend rot, also falls nicht bereits verwundet, zumindest verwundbar, ist, lassen das lyrische Ich erschaudern und feststellen, dass diese Rose zwar noch mitten im Leben ist, aber doch schon zu nahe am Tod (sie wird, wie alle anderen Rosen vor ihr, nächstens verblühen). Der Gegensatz zwischen dem lebenden Ich und der zu Ende gehenden Rose wird in der ersten Strophe auch dadurch aufgezeigt, dass die Rose still steht und das Ich vorübergeht.
In der zweiten Strophe dann beobachtet das lyrische Ich, wie die Rose wegen einer Kleinigkeit verblüht. Der weisse Schmetterling, ein sehr harmloses und kleines Tier, dem wir eigentlich keine Zerstörungskraft zugestehen, vermag es kaum, die heisse Luft an diesem ereignislosen, ruhigen Tag zu bewegen, lässt aber die Rose seinen fast nicht wahrnehmbaren Flügelschlag spüren (empfinden) und sie vergehen (verblühen, sterben).
Der ruhige und regelmässige 5-hebige Jambus, der Zeilenstil (mit Ausnahme des siebten Vers, welcher mit einem Enjambement endet) und der Kreuzreim kombiniert mit der Vergangenheitsform lassen darauf schliessen, dass das lyrische Ich dieses Ereignis aus seiner Erinnerung hervorruft und ruhig und gelassen vor sich aufsagt. Hebbel schaut also ohne Hektik oder Aufregung auf etwas vergangenes zurück und möchte mit diesem Gedicht zeigen, dass alles vergänglich ist und auch etwas kaum wahrnehmbares diese Vergänglichkeit hervorrufen, das Sein beenden kann. Dabei ist es Hebbel egal, dass die letzte Rose nicht im Sommer sondern erst im Herbst (ver-) blüht, was darauf schliessen lässt, dass er tatsächlich nicht eine Naturszene beschreiben wollte, sondern vom Zusammenspiel von Leben und Tod, von wie alles einmal im Tod enden wird und eben von der Vergänglichkeit berichten will.
Die idyllische, etwas melancholische Stimmung und die Zurückgezogenheit des lyrischen Ichs (das lyrische Ich spricht mit niemandem; es hat niemand, an den sich das Gedicht wendet), sowie die Zeit, in der das Gedicht entstand, lassen es der Biedermeierepoche zuordnen.



Verfasser hinauf

PhilippWassmer, Neue Kantonsschule Aarau (4C), hat drei weitere Favoriten:



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