Johann Peter Hebel (1760-1826): Die Rose (undatiert)

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Gedichttext hinauf

Die Rose
Johann Peter Hebel

[Beim Tode eines jungen Mädchens]

Im Garten sah ich frisch und schön
Die aufgeblühte Rose stehn;
Und wer sie sah und wer sie fand,
Gleich mir entzückend vor ihr stand.

Der Gärtner kam im raschem Gang;
Da ward mir für die Rose bang;
Ich stand und sah, wie plötzlich - ach!
Des Gärtners Hand die Rose brach.

"Du harter Mann, was machest du?"
Rief ich dem Gärtner zürnend zu;
"Die Rose, die so herrlich stand,
Bricht ohn' Erbarmen deine Hand!"

"Der Sturm könnt sie entblättern hier",
Sprach drauf der Gärtner mild zu mir.
"Für sie, die hier gefährdet stand,
Weiß ich ein sichres, beßres Land.

In jenes Land versetz ich sie;
Denn dort erreicht der Sturm sie nie;
Wirst du sie einst dort wiedersehn,
So blüht sie hundertmal so schön!"

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Vorgelesen:
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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Hebel, Johann Peter
Titel: Die Rose
Thema: Jenseits
Erscheinungsjahr: Um 1800
Zeilen: 20
Link: hier
Rezensent/in: LukasDober
Schwierigkeit: einfach

Interpretation hinauf

Johann Peter Hebel sieht einen verzweifelt weinenden, jungen Mann, der neben ei-nem Sarg kniend, um seine verstorbene Geliebte trauert und stellt sich dessen Ge-dankengänge vor. So könnte die Ausgangslage für die Idee des fünfstrophigen Ge-dichts „Die Rose“ gewesen sein.
In dem Gedicht steht das lyrische Ich in einem idyllischen Garten und geniesst den Anblick einer aufgeblühten Rose. Plötzlich eilt ein Gärtner herbei und bricht den Stängel der Rose entzwei. Das Ich ist entsetzt und stellt den Gärtner erzürnt zur Re-de, wieso er dieser Rose ohne Erbarmen ihr Dasein nehme. Der Gärtner entgegnet sanftmütig, dass es einen sichereren Ort für die Rose gäbe. Ein Sturm könnte sie entblättern. An diesem jenem Ort könne die Rose hundertmal so schön blühen.
Die Worte „Beim Tode eines jungen Mädchens“ unter dem Titel deuten darauf hin, dass dieses Gedicht einer verstorbenen Person gewidmet ist. Die Rose steht dabei für dieses Mädchen. Sie war noch so schön und gerade in der Blüte ihres Lebens, als sie von uns schied. Genauso unerwartet kommt der Tod der Rose. Doch ihr Ende ist am Höhepunkt ihres Daseins, noch vor ihrem Verwelken. Ausserdem kommt sie an einen besseren Ort. Ein sicheres Land ohne Gefahren, wie einen Sturm. Zudem wird sie dort hundertmal so schön sein. Das bedeutet, dass sie ewig schön bleiben wird. Sie ist unvergänglich. All das erinnert stark ans Jenseits nach dem Leben.
Die Hinterbliebenen können sich so trösten, dass die verstorbene Person an einem sicheren und besseren Ort verweilen darf, wo alles ewig schön bleibt. Ausserdem sieht man die Person dann auch wieder (19), wenn einem selbst das Zeitliche segnet.
Das Gedicht verbreitet trotz der bedenklichen Tat des Gärtners eine heitere, friedvol-le Stimmung. Das Ende ist ausgesprochen malerisch. Diese positive Stimmung wird unterstützt durch den ausgewogenen Rhythmus der beschwingten Jamben, die stets eine männliche Kadenzen aufweisen. Die Paarreime geben dem Vierheber eine sau-bere Struktur. Nur die erste und die letzte Zeile fallen aus dem Rahmen, indem sie zusammen das gesamte Gedicht umschliessen. Das könnte bedeuten, dass das En-de erst der Anfang eines Neubeginns ist.
Das Gedicht ist zeitlich zwischen der Klassik und der Romantik einzuordnen. Zumal es undatiert ist, fällt eine klare Einteilung schwer. Auch thematisch lässt es sich nicht einfach in eine Schublade stecken, werden doch keine typischen Themen der Klassik oder Romantik abgehandelt.
Unklar bleibt auch die genaue Rolle des Gärtners. Ist er in der Realität eher ein An-gestellter einer tieferen Gesellschaftsschicht angehörig, ist er doch gewillt über das Schicksal der Rose zu bestimmen. Dies lässt darauf hindeuten, dass er eine überir-dische Figur darstellen könnte, die über unser Scheiden bestimmt.

Verfasser/in hinauf

Vorname Name , Neue Kantonsschule Aarau (4a), hat drei weitere Favoriten:

Quellen & Links hinauf

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-- PascalFrey - 22 Apr 2007

-- LukasDober - 11 May 2007