HEINRICH HEINE (1797-1856): Belsatzar (1820)

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Gedichttext hinauf

HEINRICH HEINE
Belsatzar

Die Mitternacht zog näher schon;
In stiller Ruh' lag Babylon.

Nur oben in des Königs Schloß,
Da flackert's, da lärmt des Königs Troß.

Dort oben in dem Königssaal
Belsazar hielt sein Königsmahl.

Die Knechte saßen in schimmernden Reihn,
Und leerten die Becher mit funkelndem Wein.

Es klirrten die Becher, es jauchzten die Knecht';
So klang es dem störrigen Könige recht.

Des Königs Wangen leuchten Glut;
Im Wein erwuchs ihm kecker Mut.

Und blindlings reißt der Mut ihn fort;
Und er lästert die Gottheit mit sündigem Wort.

Und er brüstet sich frech, und lästert wild;
Die Knechtenschar ihm Beifall brüllt.

Der König rief mit stolzem Blick;
Der Diener eilt und kehrt zurück.

Er trug viel gülden Gerät auf dem Haupt;
Das war aus dem Tempel Jehovas geraubt.

Und der König ergriff mit frevler Hand
Einen heiligen Becher, gefüllt bis am Rand.

Und er leert ihn hastig bis auf den Grund,
Und rufet laut mit schäumendem Mund:

»Jehova! dir künd ich auf ewig Hohn -
Ich bin der König von Babylon!«

Doch kaum das grause Wort verklang,
Dem König ward's heimlich im Busen bang.

Das gellende Lachen verstummte zumal;
Es wurde leichenstill im Saal.

Und sieh! und sieh! an weißer Wand
Da kam's hervor wie Menschenhand;

Und schrieb, und schrieb an weißer Wand
Buchstaben von Feuer, und schrieb und schwand.

Der König stieren Blicks da saß,
Mit schlotternden Knien und totenblaß.

Die Knechtenschar saß kalt durchgraut,
Und saß gar still, gab keinen Laut.

Die Magier kamen, doch keiner verstand
Zu deuten die Flammenschrift an der Wand.

Belsazar ward aber in selbiger Nacht
Von seinen Knechten umgebracht.

Quelle:
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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Heine, Heinrich
Titel: Belsatzar
Thema: Tod
Gedichtform: Ballade
Erscheinungsjahr: 1820
Zeilen: 43
Link: hier
Rezensent/in: SonjaWild
Schwierigkeit: mittelschwer

Interpretation hinauf

Heinrich Heine(1797-1856) verarbeitet um 1820 in seiner Ballade „Belsatzar“ die Geschichte vom babylonischen Kronprinzen Belsazar, der in der Bibel (Buch Daniel (5,1 – 6,1)) als tyrannischer Herrscher wegen Gotteslästerung von seinem Gefolge umgebracht wird, nachdem eine Flammenschrift an der Wand den Untergang des Königreichs vorhersagt. Heine nennt sich selber einen „entlaufenen Romantiker“, seine Ballade enthält einige Elemente der Romantik, seine Hauptfigur ist ein König aus dem fernen Land Babylonien und spielt in seinem Schloss während eines herrlichen Festmahls (das märchenhafte Element). Dennoch kann man es nicht vollständig der Romantik zuordnen, denn es enthält Kritik am Verhältnis der Menschen zu Gott und an der Tyrannenherrschaft, beides Elemente, die eher zum Vormärz gehören.

Der babylonische König Belsatzar hält mit seiner Gefolgschaft in seinem Schloss ein königliches Mahl, preist seine Macht und lästert über Gott. Er trinkt aus einem heiligen Becher und stellt sich selber über Gott, indem er sich den wahren Herrscher über Babylon nennt. Als Höhepunkt erscheint an der weissen Wand eine Flammenschrift, doch selbst der Weiseste kann ihre Bedeutung nicht erraten. In der folgenden Nacht wird Belsatzar von seinen Knechten umgebracht.

Das Gedicht besteht aus einundzwanzig zweizeiligen Strophen und ist durchgehend paarig gereimt. Zur Hälfte kommen 4-füssige Jamben vor, sonst jedoch ist das Metrum unregelmässig. Es sind zwei Teile auszumachen, die durch das Erscheinen der Flammenschrift getrennt sind. Die ganze Ballade lebt von unzähligen Adjektiven, die viele für dieses Gedicht charakteristische Gegensätze schafft, sowohl sprachlich als auch inhaltlich. Zusammen mit den zahlreich verwendeten rhetorischen Figuren (Personifikationen, Parallelismen, Anaphern, Metaphern) entsteht eine mystische, später unheimliche Stimmung. Einzig das Ende, die Verkündung seiner Ermordung ist sehr nüchtern und ohne Ausschmückung.

Die Botschaft dieser Ballade ist offensichtlich: Heine kritisiert die Tyrannenherrschaft, es lässt sich vermuten, dass er Belsatzar mit dem 1815 verstorbenen Napoleon vergleicht, der durch seine Selbstkrönung Gottes Macht in Frage gestellt und bei dem vermutet wird, dass er vergiftet wurde. "Belsatzar" hat die Funktion eines Appells an alle Menschen, Unterdrückung nicht zu dulden und Gott als mächtigste Autorität anzuerkennen.

Verfasser/in hinauf

Sonja Wild, Neue Kantonsschule Aarau (3D), hat drei weitere Favoriten:

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