Heinrich Heine (1797-1856): Orpheisch (ca. 1850)

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Gedichttext [Top]

HEINRICH HEINE
Orpheisch

Es gab den Dolch in deine Hand
Ein böser Dämon in der bösen Stunde -
Ich weiß nicht, wie der Dämon hieß -
Ich weiß nur, daß vergiftet war die Wunde.

In stillen Nächten denk ich oft,
Du solltest mal dem Schattenreich entsteigen,
Und lösen alle Rätsel mir
Und mich von deiner Unschuld überzeugen.

Ich harre dein - o komme bald!
Und kommst du nicht, so steig ich selbst zur Hölle,
Daß ich alldort vor Satanas
Und allen Teufeln dich zur Rede stelle.

Ich komme, und wie Orpheus einst
Trotz ich der Unterwelt und ihren Schrecken -
Ich finde dich, und wolltest du
Im tiefsten Höllenpfuhle dich verstecken.

Hinunter jetzt ins Land der Qual,
Wo Händeringen nur und Zähneklappen -
Ich reiße dir die Larve ab,
Der angeprahlten Großmut Purpurlappen -

Jetzt weiß ich, was ich wissen wollt,
Und gern, mein Mörder, will ich dir verzeihen;
Doch hindern kann ich nicht, daß jetzt
Schmachvoll die Teufel dir ins Antlitz speien.

Kurzinformation [Top]

Autor/in: Heine, Heinrich
Titel: Orpheisch
Thema: Misc
Gedichtform: Ballade
Erscheinungsjahr: ca. 1850
Zeilen: 24
Link: hier
Rezensent/in: Michael König
Schwierigkeit: extrem schwer

Interpretation [Top]

Autor & Infos
Dieses eher unbekannte Gedicht von Heine (1797-1856) entstand um 1950, also in der Übergangszeit
von Vormärz und Realismus. Es lässt sich nicht sehr gut einordnen, da sich Heine unter anderem nicht
als Vormärzdichter sah sondern als letzter romantischer Dichter gilt. Typisch für diese Literaturepoche
ist der Hang zum Mystizismus als Flucht aus der Wirklichkeit (wie im Gedicht unschwer zu erkennen ist).

Handlung
Die Frau oder Geliebte des Erzählers ist auf mysteriöse Weise umgekommen (Mord oder Freitod). Um
seiner nagenden Ungewissheit Klarheit zu verschaffen, beschwört er sie vom Schattenreich heraufzukommen,
andernfalls werde er nicht zögern selbst hinunterzusteigen.
Nachdem er allen Gefahren der Unterwelt getrotzt hat und er sie gefunden hat, reißt er ihr die Maske
ab und deckt somit ihr (evtl. geheucheltes) Leben schonungslos auf. Da er jetzt den Grund ihres Abscheidens
im Lichte des Schattenreichs sieht, kann er auch dem Mörder vergeben.

Form
Das Gedicht ist in sechs Strophen à vier Zeilen gegliedert. Jeweils die 2. und 4. Zeile reimen sich (ABCB)
und bilden eine Art Schweifreim. Das Metrum ist eindeutig, es wechselt in jeder Strophe von vierfüßigen
(1./3. Zeile) auf fünffüßige (2./ 4. Zeile) Jamben. Bei den reimenden Zeilen sind die Kadenzen jeweils identisch,
jedoch unterscheiden sie sich von Strophe zu Strophe: in der erste und dritten ist die Kadenz männlich, bei
den anderen natürlich weiblich.
Rhetorische Figuren hat es fast keine, (es sei denn ich hätte nicht alle gefunden).

Deutung
Man kann dieses Gedicht auf so viele Arten interpretieren, aber genau das ist das Faszinierende daran.
Beim ersten Durchlesen merkt man erst in der letzten Strophe dass es sich um einen Mord handelt. Ich
habe mir dann überlegt, wer wen umgebracht hat. Wurde das ICH (Erzähler) vom DU (Mörder?) umgebracht?
Aber das kann ja nicht sein, weil sonst das ICH schon in der Schattenwelt wäre. Hat das DU einen guten
Freund oder gar die Frau des ICHs umgebracht? Kann aber fast auch nicht sein da das ICH dem DU am Schluss
verzeiht. Meiner Meinung nach hat die Freundin oder Frau (DU) des Erzählers (ICH) Selbstmord begangen
und damit sein Leben ruiniert.


Verfasser [Top]

Michael König, Neue Kantonsschule Aarau (3D), hat drei Favoriten:





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