Hermann Hesse(1877-1962): Im Nebel(1911)

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Gedichttext hinauf

Im Nebel

1Seltsam, im Nebel zu wandern!
2 Einsam ist jeder Busch und Stein,
3 Kein Baum sieht den andern,
4 Jeder ist allein.

5 Voll von Freunden war mir die Welt
6 Als noch mein Leben licht war;
7 Nun, da der Nebel fällt,
8 Ist keiner mehr sichtbar.

9 Wahrlich, keiner ist weise,
10 Der nicht das Dunkel kennt,
11 Das unentrinnbar und leise
12 Von allen ihn trennt.

13 Seltsam, im Nebel zu wandern!
14 Leben ist Einsamsein.
15 Kein Mensch kennt den andern,
16 Jeder ist allein.

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Autor/in: Hesse, Hermann
Titel: Im Nebel
Thema: Einsamkeit, Weisheit, Natur
Gedichtform:  
Erscheinungsjahr: 1905
Zeilen: 16
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Rezensent/in: Michelle Hartmann
Schwierigkeit: anspruchsvoll

Interpretation hinauf

Das Gedicht „Im Nebel“ (1905) von Hermann Hesse beschreibt eine Wanderung des lyrischen Ichs, welches über das Leben und besonders die Einsamkeit nachdenkt. Es besteht aus vier Strophen zu je vier Zeilen, welche im Kreuzreim verfasst sind. Das Metrum ist unregelmässig und die Kadenz ist abwechselnd weiblich und männlich, nur in der zweiten Strophe wechselt sie von der Männlichen zur Weiblichen.

In der ersten Strophe schildert das lyrische Ich seine Empfindungen, welches es bei einer Wanderung in der Natur hat. Die Interpunktion im ersten Vers (Komma und Ausrufezeichen) verdeutlicht, das es seltsam ist, durch den Nebel zu wandern. Im zweiten und dritten Vers werden Busch und Stein (V. 2), welche einsam sind, sowie die Bäume (V.3), die einander nicht sehen können, vermenschlicht bzw. personifiziert. Im letzten Vers behauptet Hesse, dass jeder allein sei (V.4).

In der zweiten Strophe besinnt sich das lyrische Ich zurück in die Vergangenheit. Damals hatte es noch Freunde (V.5) und das Leben war schön (V.6). Im darauffolgenden Vers wird deutlich, dass der Nebel hier eine Metapher und nicht eine Naturerscheinung ist. Er steht für die dunklen und pessimistischen Seiten im Leben. Das lyrische Ich kehrt in die Gegenwart zurück (V. 7) und durch den auftauchenden Nebel sieht es niemanden mehr (V.8). Die dritte Strophe beginnt mit einer biblischen Redeweise („wahrlich“ V.9) und stellt eine weitere These auf: Niemand ist weise (V. 9), solange er nicht die schlechten Seiten im Leben („Dunkle“ V.10) einmal kennen gelernt und durchlebt hat. Diese kommen leise und sind unausweichlich (V.11). Der letzte Vers besagt, dass man durch diese Phase im Leben von den Mitmenschen getrennt wird und danach einsam ist (V.12). Die vierte und letzte Strophe beginnt und endet genau gleich wie die erste und gleicht sich ausserdem im Wortlaut, welcher jedoch in der vierten Strophe auf den Menschen und nicht auf die Natur bezogen ist. Damit wird nochmals verdeutlicht, wie einsam sich das lyrische Ich fühlt. Leben ist Einsamsein (V.14) kann man als Zusammenfassung dieses Gedichtes sehen. Dass kein Mensch den anderen kennt (V.15) und jeder alleine ist (V.16), mag heissen, dass jeder im Leben auf sich alleine gestellt ist. Hermann Hesse verwendet in allen vier Strophen Schlüsselwörter der Einsamkeit: „Einsam“ (V. 2), „allein“ (V. 4+16), „keiner“ (V. 8), „Dunkel“ (V.10), „trennt“ (V.12), „Einsamsein“ (V.15). Zudem befasst er sich in diesem Gedicht mit der Einsamkeit der Menschen und wie diese weise werden können. Er verdeutlicht in der dritten Strophe, dass jeder einmal die schlechten und einsamen Seiten des Lebens kennen lernen muss, denn das ist die Bedingung der Weisheit.

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