Georg Heym (1887-1912): Die Stadt (1902)

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Gedichttext hinauf

Georg Heym
Die Stadt

Sehr weit ist diese Nacht. Und Wolkenschein
Zerreisset vor des Mondes Untergang.
Und tausend Fenster stehn die Nacht entlang
Und blinzeln mit den Lidern, rot und klein.

Wie Aderwerk gehn Strassen durch die Stadt,
Unzählig Menschen schwemmen aus und ein.
Und ewig stumpfer Ton von stumpfen Sein
Eintönig kommt heraus in Stille matt.

Gebären, Tod, gewirktes Einerlei,
Lallen der Wehen, langer Sterbeschrei,
Im blinden Wechsel geht es dumpf vorbei.

Und Schein und Feuer, Fackeln rot und Brand,
Die drohn im Weiten mit gezückter Hand
Und scheinen hoch von dunkler Wolkenwand.

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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Heym, Georg
Titel: Die Stadt
Thema: Monotonie des städtischen Lebens
Erscheinungsjahr: 1911/1912
Zeilen: 14
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Rezensent/in: Simone Berthet
Schwierigkeit: mittelschwer

Interpretation hinauf

Georg Heym verwendet hier die Form des Sonetts und als Versform den fünfhebigen Jambus mit ausschliesslich männlichen Kadenzen. Die Formen und der Reim, in den Quartetten abba und in den Terzetten ccc, sind streng, das Gedicht wird in ein festes Schema "gepresst". Das Werk wird zunächst mit der Stimmung der nächtlichen Stadt mit Hilfe von Metaphern eingeleitet. In der zweiten Strophe steigert sich die dichterische Aussage insofern, als dass die Monotonie des städtischen Lebens durch Wortwiederholungen ("stumpf") und den gleichförmigen Rhythmus dargelegt werden. In der dritten Strophe gelangt das Werk an einen Punkt, an dem die Sinnlosigkeit der Existenz festgestellt wird, die sich bis hin zur vierten und letzten Strophe entwickelt, in der Untergang und Tod visionär beschwört werden. Dies alles trägt dazu bei, dass sich während der Lektüre eine bedrohliche Grundstimmung heraufbeschwört. Das lyrische Ich bleibt im Hintergrund. Über es wird nur teilweise die momentane Gefühlswelt durch Ausdrücke wie "Aderwerk" ersichtlich. Auffallend ist, dass der Beobachter die Stadt mit einem menschlichen Körper vergleicht. So wird diese in den beiden Quartetten als ein pulsierender Körper mit "blinzelnden Lidern" beschrieben. Auf die beiden Terzetten übergehend wird ihr "Sein" jedoch "stumpf" und der Körper ist hin- und hergerissen zwischen Leben und Tod.

Sehr typisch für den Expressionismus greift dieses Gedicht von Heym das Motiv des Todes auf. Darüber hinaus ist ebenso das Thema Grossstadt ein beliebtes Thema zeitgenössischer Expressionisten. Insgesamt ist die Sprache sehr metaphorisch und gefühlsbetont. Dem Leser werden nicht nur optische, sondern auch akustische Eindrücke übermittelt.

Verfasser/in hinauf

Vorname Name , Neue Kantonsschule Aarau (4c), hat drei weitere Favoriten:

Quellen & Links hinauf

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-- PascalFrey - 22 Apr 2007

-- SimoneBerthet - 11 May 2007