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Georg Heym(1887-1912): Gott der Stadt (1910)

Gedicht | Kurzinformation | Interpretation | Verfasser/in | Quellen | LEXIKON

Gedichttext hinauf

Georg Heym
Gott der Stadt

Auf einem Häuserblock sitzt er breit.
Die Winde lagern schwarz um seine Stirn.
Er schaut voll Wut, wo fern in Einsamkeit
Die letzten Häuser in das Land verirrn

Vom Abend glänzt der rote Bauch dem Baal,
Die grossen Städte knien um ihn her.
Der Kirchenglocken ungeheure Zahl
Wogt auf zu ihm aus schwarzer Türme Meer.

Wie Korybanten-Tanz dröhnt die Musik
der Millionen durch die Straßen laut.
Der Schlote Rauch, die Wolken der Fabrik
ziehn auf zu ihm, wie Duft von Weihrauch blaut.

Das Wetter schwelt in seinen Augenbrauen.
Der dunkle Abend wird in Nacht betäubt.
Die Stürme flattern, die wie Geier schauen
von seinem Haupthaar, das im Zorne sträubt.

Er streckt ins Dunkle seine Fleischerfaust.
Er schüttelt sie. Ein Meer von Feuer jagt
durch eine Straße. Und der Glutqualm braust
und frißt sie auf, bis spät der Morgen tagt.

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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Heym, Georg
Titel: Gott der Stadt
Thema: Stadt
Gedichtform: Ballade
Erscheinungsjahr: 1910
Zeilen: 20
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Rezensent/in: Alex Rudolf
Schwierigkeit: mittelschwer

Interpretation hinauf

Georg Heym (1887-1912) verfasste den „Gott der Stadt“ im Jahre 1919, also in der Blütezeit des Expressionismus. Kennzeichnend für die Lyrik dieser Epoche ist das Ersetzen der herkömmlicher Äsethik mit einer „Ästhetik des Hässlichen“, die sich durch die Darstellung des Kranken, Kriegerischen und Wahnsinnigen auszeichnet.

Der Inhalt des Gedichtes lässt sich auf die Darstellung einer Grossstadt, als Schauplatz finsterer, höllenähnlicher Ereignisse, zusammenfassen. Ein mächtiger Baal (= Herr, Meister, König, Gott mit Ursprung in der Syrischen Mythologie) der ,von seinem, sich auf Häusermeeren befindenden Thron ,die Bewohner der Stadt unterwirft, ist die zentrale Figur in diesem Text. Er wird als teuflische Gestalt dargestellt, die Feuermeere in den Strassen verteilt und unwahrscheinlich verstimmt ist, da ihm nicht gefällt was er in den Strassen der Stadt zu sehen vermag.

Das Metrum ist ein 10-hebiger Jambus mit männlicher Kadenz, ausser bei der Zeile „Das Wetter schwelgt in seinen Augenbrauen“ wo wir eine weibliche Kadenz finden, was dieser Zeile eine besondere Bedeutung zukommen lässt. Er will uns damit klar machen, dass der Baal nun aktiv wird, denn vor diesem Kadenzintermezzo hat er eine observierende Funktion, danach wütet er, von Hass getrieben, um sich. Das Reimschema ist ein sich durchgehend abab reimender Endreim, dies könnte einerseits eine Anspielung auf die versteifte Regelmässigkeit des Grossstadtalltags sein, der hier jedoch eindeutig durchbrochen und zerstört wird und andererseits der unauffällige Gegenpol zu der bildreichen, lebendigen Wortwahl.

Diese ist eine der Hauptattraktionen des Gedichtes und gibt dem Leser einen unbarmherzig direkten jedoch zugleich verspielten surrealen Blick auf das Leben des Baals. Heym arbeitet zu diesem Zwecke mit Personifikationen („ Die letzten Häuser in das Land verirrn“ oder generell; Darstellung des „Gott der Stadt“ als menschliches Wesen), welche die Intensität steigern sollen, indem sie eine Identifikation mit menschlichen Lebewesen, die unter diesem Herrscher leiden, ermöglichen. Eine weitere rhetorische Figur, die bemerkenswert eingesetzt worden ist, die Hyperbel („Wogt auf zu ihm aus schwarzer Türme Meer“) hat ihre Aufgabe darin die Grösse und die Macht des Baals zu veranschaulichen. Denn die Stadt wird als Türme Meer dargestellt und der Baal ist der absolutistische Herrscher über dieses riesige, abstrakte Objekt, was uns seine Macht als unermesslich vermuten lassen soll. Einige Symbole („Die Stürme flattern, die wie Geier schauen“) werden von Heym ebenfalls in den Text eingepflanzt und dienen zur Veranschaulichung der Hoffnungslosigkeit der Situation, denn der Geier steht in der Literatur u.a. für Tod und Verwesung. Aber die mit Abstand wichtigste rhetorische Figur ist die Onomatopoesie („Glutqualm, Fleischerfaust, braust, frisst..). Es vergeht keine Zeile in der nicht mindestens ein Begriff vorkommt, welcher uns durch seinen exotischen Klang, einen Einblick in die Geräuschekulisse dieser Schreckensherrschaft zu verschaffen versucht. Die Kritik an der Grossstadt, die Heym in seinem Werk anbringt ist kennzeichnend für den Expressionismus. Den Schauplatz des gänzlich Schlechten und Verwerflichen ist dieser dunkle Ort, der von unheimlichen Wesen regiert wird und an dem sich in der Nacht apokalyptische Begebenheiten ereignen.

Verfasser/in hinauf

Main.Vorname Name, Neue Kantonsschule Aarau (Abteilung), hat drei weitere Favoriten:

Quellen & Links hinauf

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