Arno Holz (1863-1929): Ein Andres (1902)

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Gedichttext hinauf

Arno Holz
Ein Andres

Fünf wurmzernagte Stiegen geht's hinauf
Ins letzte Stockwerk einer Mietskaserne;
Hier hält der Nordwind sich am liebsten auf
Und durch das Dachwerk schaun des Himmels Sterne.
Was sie erspähn, o, es ist grad genug,
Um mit dem Elend brürderlich zu weinen:
Ein Stückchen Schwarzbrot und ein Wasserkrug,
Ein Werktisch und ein Schemel mit drei Beinen.

Das Fenster ist vernagelt durch ein Brett
Und doch durchpfeift der Wind es hin und wieder,
Und dort auf jenem strohgestopften Bett
Liegt fieberkrank ein junges Weib darnieder.
Drei kleine Kinder stehn um sie herum,
Die stieren Blicks an ihren Zügen hängen,
Vor vielem Weinen ward ihr Mündlein stumm
Und keine Thräne mehr netzt ihre Wangen.

Ein Stümpfchen Talglicht giebt nur trüben Schein,
Doch horch, es klopft, was mag das nur bedeuten?
Es klopft und durch die Thür tritt nun herein
Ein junger Herr, geführt von Nachbarsleuten.
Der Armenhilfsarzt ist's aus dem Revier,
Den sie geholt aus Mitleid mit der Kranken,
Indess ihr Mann bei Branntwein oder Bier
Sich selbst betäubt und seine Wuthgedanken.

Der junge Doktor aber nimmt das Licht
Und tritt mit ihm ans Bett des armen Weibes,
Doch gelb wie Wachs und spitz ist ihr Gesicht
Und kalt und starr die Glieder ihres Leibes.
Das schluchzt sein Herz, indess das Licht verkohlt,
Von nie gekannter Wehmuth überschlichen:
Weint, Kinder, weint! Ich bin zu spät geholt,
Denn eure Mutter ist bereits--verblichen.

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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Holz, Arno
Titel: Ein Andres
Thema: Lebensverhältnisse der Arbeiter
Erscheinungsjahr: 1885
Zeilen: 32
Link: hier
Rezensent/in: Isabelle Stierli
Schwierigkeit: mittelschwer

Interpretation hinauf

Das Gedicht „Ein Andres“ von Arno Holz lässt sich eindeutig dem Naturalismus zuordnen. Es wurde im Jahre 1885 erstveröffentlicht als Bestandteil seines Werkes „Das Buch der Zeit“. Es bespricht die typischen Themen dieser Epoche. Das Arbeitermilieu ist der Schauplatz der kurzen Szene. Beschrieben wird eine alte Mietskaserne, in der die Leute in Armut leben. Eine junge Frau lebt auch in diesem Haus. Sie liegt krank auf dem unkomfortablen Bett. Ihre drei Kinder sind bei ihr. Nachbarn haben den Armenhilfsarzt gerufen, da ihr Mann dabei ist, sich zu betrinken. Als der Arzt aber die Frau ansieht, kann er nur ihren Tod feststellen.

Damit greift der Autor die elementare Thematik seiner Zeit auf: Die Ausbeutung der Arbeiter im Zeitalter der Industrialisierung. Man stellt fest, dass die Hauptfiguren, die Mutter und ihre Kinder, unter unmenschlichen Bedingungen leben. Die Behausung wird vom Wind heimgesucht (Z.3), die Fenster sind nur durch ein Brett vernagelt (Z.9) und Mobiliar gibt es auch kaum (Z.8). Das Essen ist ebenfalls karg und zum Trinken gibt es ausschliesslich Wasser (Z.7). Ständiges Elend prägt das Leben der Kinder. Sie haben bereits so viel geweint, dass sie gar nicht mehr können (Z.15/16). Die junge Frau ist zwar sehr krank, dennoch ist sie aber zu Beginn des Gedichtes alleine mit ihren Kindern. Dieses Elend ist typisch für die damalige Zeit. Vielen Leuten fehlte das Geld, um sich medizinische Hilfe leisten zu können. Auch in diesem Gedicht sind es schliesslich die Nachbarn, die aus Mitleid einen Arzt holen. Das Elend der Arbeiterschicht zeigt sich auch darin, dass der Ehemann der Kranken nur im Alkohol Trost findet (Z.23/24). Er kann sich keinen Ausweg vorstellen aus seiner Situation und ist daher unfähig, seiner Frau bei ihrer Krankheit beizustehen.

Vier Strophen, welche in je acht Verse gegliedert sind, sind genug, um diese Situation eindrücklich zu beschreiben. Das Gedicht ist in fünffüssigen Jamben geschrieben und beim Reimschema handelt es sich um Kreuzreime.

Arno Holz arbeitete als freier Schriftsteller in der Zeit, in der er dieses Gedicht schrieb. Er hatte Kontakt zum Berliner Naturalistenverein „Durch“. Finanzielle Probleme waren ständige Begleiter in seinem Leben, er lebte immer in unsicheren Verhältnissen. Dies spiegelt sich auch in diesem Gedicht wieder. Vermutlich kann er sich deshalb so gut in die Probleme der Arbeiterschicht einfühlen und sie so eingehen beschreiben.

Verfasser/in hinauf

Isabelle Stierli , Neue Kantonsschule Aarau (4a), hat einen weiteren Favoriten: