Peter Huchel (1903-1981): Dezember 1942 (1948)

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Gedichttext hinauf

Wie Wintergewitter ein rollender Hall.
Zerschossen die Lehmwand von Bethlehems Stall.

Es liegt Maria erschlagen vorm Tor,
Ihr blutig Haar an die Steine fror.

Drei Landser ziehen vermummt vorbei.
Nicht brennt ihr Ohr von des Kindes Schrei.

Im Beutel den letzten Sonnenblumenkern.
Sie suchen den Weg und sehn keinen Stern.

Aurum, thus, myrrham offerunt...
Um kaltes Gehöft streicht Krähe und Hund.

...quia natus est nobis Dominus.
Auf fahlem Gerippe glänzt Öl und Ruß.

Vor Stalingrad verweht die Chaussee.
Sie führt in die Totenkammer aus Schnee.

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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Huchel, Peter
Titel: Dezember 1942
Thema: Krieg
Erscheinungsjahr: 1948
Zeilen: 14
Link: hier
Rezensent/in: Oliver Rhyner
Schwierigkeit: mittelschwer

Interpretation hinauf

Peter Huchels (1903 – 1981) Gedicht „Dezember 1942“ wurde 1948 verfasst und ist ein bekanntes deutsches Gedicht, das sich mit der Thematik des Zweiten Weltkriegs ausein-ander setzt. Insgesamt besteht das Gedicht aus 14 Versen bzw. sieben Strophen. Jede Strophe bildet einen Paarreim (aa, bb, cc, ...) mit unregelmässigem Versfuss. Anhand von kurzen prägnanten Sätzen, einer sehr bildlichen Sprache und ohne ein lyrisches Ich schildert Peter Huchel die Geschichte des Heiligen Abends. Dies tut er allerdings mit ei-nem markanten Unterschied: Er hat die Weihnachtsgeschichte kurzerhand in den Monat Dezember des Jahres 1942 verpflanzt und zwar nach Stalingrad/Russland, wo die deut-schen Soldaten verzweifelt versuchen die Stadt zu übernehmen. Bei näherem Betrachten fällt dem Leser die Metaphorik der drei Landser auf. Sie verkör-pern das pure Gegenteil der drei Könige. Anstatt Weihrauch, Myrre und Gold bringen sie Öl, Russ und Tod. Auch sonst bietet das Gedicht einiges an Kontrast. So ist die gesamte Stimmung sehr düster, kalt und hoffnungslos ganz im Gegensatz zur feierlich warmen Stimmung der biblischen Weihnachtsgeschichte. Ausserdem symbolisiert Stalingrad Tod und Hoffnungslosigkeit, ganz im Gegensatz zu Bethlehem, welches als Symbol der Ge-burt und der Hoffung steht. Betrachtet man den geschickt eingeflochten elften Vers „quia natus est nobis dominus“ übersetzt, lautet er: „denn geboren ist uns der Herr“ und ver-gleicht diesen mit dem dritten Vers „Es liegt Maria erschlagen vorm Tor“ vergleicht, fällt dem Leser ein Paradox auf: Wie soll Jesus geboren werden, wenn Maria bereits tot ist? Eine Vermutung über die Ursache, warum Peter Huchel dieses Gedicht verfasst hat, kann man recht schnell aufstellen, wenn man sich ein wenig über ihn informiert. Wie aus den Lebensdaten von Peter Huchel hervorgeht, hat er beide Weltkriege hautnah miterlebt. Den ersten erlebte er als 15-jähriger Junge, den zweiten als 30-jähriger bei der Luftwaf-fe. 1945 geriet er noch für kurze Zeit in russische Gefangenschaft. Diese Erlebnisse in Gedichten wiederzugeben ist für einen Lyriker sehr naheliegend. Deshalb hier ist stark anzunehmen, dass Peter Huchel verarbeitende Elemente einfliessen liess. Gleichzeitig prangert er, wie wohl jedes Gedicht der Nachkriegsliteratur, die unbestrittene Sinnlosig-keit des Krieges an.

Verfasser/in hinauf

Vorname Name , Neue Kantonsschule Aarau (4c), hat drei weitere Favoriten:

Quellen & Links hinauf

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-- PascalFrey - 22 Apr 2007