ERNST JANDL (1925-2000): Schtzngrmm (1966)

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Gedichttext hinauf

Ernst Jandl
Schtzngrmm

schtzngrmm
schtzngrmm
t-t-t-t
t-t-t-t
grrrmmmmm
t-t-t-t
s-------------c-------------h
tzngrmm
tzngrmm
tzngrmm
grrrmmmmm
schtzn
schtzn
t-t-t-t
t-t-t-t
schtzngrmm
schtzngrmm
tssssssssssssss
grrt
grrrrrt
grrrrrrrrrt
scht
scht
t-t-t-t-t-t-t-t-t-t
scht
tzngrmm
tzngrmm
t-t-t-t-t-t-t-t-t-t
scht
scht
scht
scht
scht
grrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr
t-tt

Quelle:
de

Vorgelesen:
keine Aufnahme
Kurzinformation hinauf

Autor/in: Jandl, Ernst
Titel: Schtzngrmm
Thema: 2.Weltkrieg
Gedichtform:  
Erscheinungsjahr: 1966
Zeilen: 35
Link: hier
Rezensent/in: CinziaCatania
Schwierigkeit: anspruchsvoll

Interpretation hinauf

Ernst Jandl wurde am 1.August 1925 in Wien geboren und starb am 9.Juni 2000. Er war ein österreichischer Dichter, Schriftsteller und Übersetzer. Seine Literatur wurde geprägt von seiner Kriegsgefangenschaft am Ende des zweiten Weltkriegs. Nach der Freilassung studierte er Germanistik und Anglistik. Er arbeitete unter anderem als Gymnasiallehrer. Jandl ist bekannt für seine experimentelle Dichtung und seine humoristische Sprachkunst, welche von der konkreten Poesie und vom Dadaismus beeinflusst wurden.
Bei der Betrachtung der formalen Gestaltung fällt auf, dass das gesamte Gedicht ohne Vokale gestaltet wurde. Nur aus gewissen Konsonanten wurde ein 35-zeiliger Text konzipiert. Eine Stropheneinteilung gibt es nicht. Wenn man Jandls Dichtung jedoch genau untersucht, kann man eine Struktur erkennen; drei feste Punkte werden sichtbar. Der erste Teil beginnt mit dem Motiv der Dichtung und wird gefolgt von einem längeren Teil, welcher aus Bestandteilen des Motivs „Schtzngrmm“ besteht. Der zweite feste Punkt sind die Zeilen 16/17, wo das Thema der Dichtung wiederholt wird. Wieder folgt ein längerer Teil, welcher zum Teil neue Buchstabengeflechte aufweist. Der letzte Punkt ist der Schlussklang t-tt (Z.35). Ein bestimmter Reim, wie er in vielen Gedichten üblich ist, bleibt hier aus. Erkennbar ist am ehesten der Stabreim (gleiche Anfangsbuchstaben). Was auch vorkommt, sind Anaphern; oft wird ein Wortgebilde mehrmals wiederholt. Kadenz und Versmass bleiben vollständig aus, wie auch eine Handlung im konventionellen Sinne. Jandl verbleibt auf der Stufe des Geräusch- und Zeichenhaften.
Das Thema des Gedichts ist Krieg. Der Wortlaut „grmm“ erinnert an Grimm, an Verhärtung; die Soldaten müssen hart bleiben, um überleben zu können. „t-t-t-t“ kann mit Maschinengewehr-Schüssen assoziiert werden. „s—c—h“ lässt einem an austretende Gase oder an das Abfeuern von Granaten denken. So wird der Hörer oder auch der Leser gedanklich an einen Kriegsort geführt. Wie es im Krieg gewesen sein muss, kann niemand in Worte fassen. Jandl hat einen Weg gefunden, um diese Stimmung dem Leser einigermassen greifbar zu machen. Diese unglaubliche Wirkung des Gedichts hat Jandl sicherlich duch seine Kunstfertigkeit erreicht, mit der Sprache zu experimentieren.

Ausgangslage des Gedichts ist das Wort „Schtzngrmm“, mit welchem mittels Dekomposition des vorgegebenen Buchstabenmaterials neue Laute entwickelt werden. Mit einer so kleinen Auswahl von Konsonanten wird eine 35-zeilige Dichtung kreiert, welche neben dem Schützengraben auch Schlachtenlärm, Tod und Angst darstellt. Die Entvokalisierung bewirkt zudem eine Verhärtung, was den Krieg noch unterstreicht. Der Schlussteil „t-tt“ erinnert an den Tod. Zumal man sich beim Lesen zwischen den beiden Buchstaben t automatisch ein o denkt und weil der Buchstabe einen rein optisch an ein Grabkreuz erinnert.

Die konkrete Poesie, um noch auf den Zeitpunkt der Entstehung der Dichtung einzugehen, beschäftigt sich mit dem Grenzgebiet, wo Sprache klingt und mehrdeutiger wird als das bloss gelesene Wort, sich also der Musikalität nähert. Jandls Schtzngrmm ist eine Art des Komponierens. Der Rhythmus ist entscheidend und das Akkustische wird wichtiger als der Inhalt selber. Zudem wird der Hörer oder Leser zentraler als bei der gewöhnlichen Lyrik. Auf diese Weise macht die Phantasie des Hörers einen Teil des Gedichts aus. Hier wird deutlich wie unvermittelbar und unmittelbar das Kulturerleben ist.
Cinzia Catania (mit 3 Favoriten)
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Verfasser/in hinauf

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