Joseph von Eichendorff (1875-1926): Sehnsucht (1834)

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Gedichttext hinauf

Joseph von Eichendorff
Sehnsucht

Es schienen so golden die Sterne,
Am Fenster ich einsam stand
Und hörte aus weiter Ferne
Ein Posthorn im stillen Land.
Das Herz mir im Leibe entbrennte,
Da hab ich mir heimlich gedacht:
Ach, wer da mitreisen könnte
In der prächtigen Sommernacht!

Zwei junge Gesellen gingen
Vorüber am Bergeshang,
Ich hörte im Wandern sie singen
Die stille Gegend entlang
Von schwindelnden Felsenschlüften,
Wo die Wälder rauschen so sacht,
Von Quellen, die von den Klüften
Sich stürzen in die Waldesnacht.

Sie sangen von Marmorbildern,
Von Gärten, die überm Gestein
In dämmernden Lauben verwildern,
Palästen im Mondenschein,
Wo die Mädchen am Fenster lauschen,
Wann der Lauten Klang erwacht,
Und die Brunnen verschlafen rauschen
In der prächtigen Sommernacht.-

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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Eichendorff von, Joseph
Titel: Sehnsucht
Thema: Natur
Erscheinungsjahr: 1834
Zeilen: 24
Link: hier
Rezensent/in: Daniela Zubler
Schwierigkeit: mittelschwer

Interpretation hinauf

Das Gedicht „Sehnsucht“ von Joseph von Eichendorff (1788 – 1857), entstand 1834 in Berlin. Eichendorff war ein bedeutender Lyriker und Prosaautor der deutschen Romantik. Bereits der Titel des Gedichtes verweist auf ein typisches Motiv des Zeitalters der Romantik: Die Sehnsucht.
In der Tat geht es im Gedicht um den Lockruf der Ferne, die Lust am Wandern , wilde Naturlandschaften werden beschrieben, aber auch märchenhafte Park- und Schlosslandschaften. Das lyrische Ich sehnt sich einerseits in die freie Natur, aber andererseits auch in eine bessere Vergangenheit zurück. Dies lässt darauf schliessen, dass die Sehnsucht nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich zu verstehen ist.
Die Sprache und Form des Gedichtes zeigt klare Strukturen und deutliche Eigenschaften auf. Das Gedicht ist aus drei Strophen zu je acht Zeilen aufgebaut. Als Reimschema lässt sich deutlich der Kreuzreim identifizieren. Er ist auch ein Hinweis darauf, dass jede Strophe als Bindeglied von zwei vierzeiligen Volksliedstrophen betrachtet werden könnte. Jede Zeile beinhaltet drei Hebungen und die Zeilenenden sind abwechselnd betont und unbetont. Vorwiegend findet man Daktylen, das Metrum jedoch ist unregelmässig. Auch an der Sprache ist das romantische Vokabular deutlich ersichtlich. Beispiele sind Verben wie "scheinen", "Mondschein", "heimlich". Die Wortwahl verdeutlicht die Wahrnehmungen und Gefühle des lyrischen Ichs und prägt die melancholische Stimmung des Gedichtes.
Ein möglicher Deutungsansatz wäre, dass es für das lyrische Ich nicht möglich ist seinen Platz am Fenster zu verlassen und sich deshalb Sehnsucht breitmacht. Unterstrichen wird dies durch die Verwendung von "Ach" (Zeile 7) und dem Gebrauch des Konjunktivs: „…könnte“ (Zeile 7). Eine zweite Möglichkeit, die vor allem in der 2 Strophe zum Ausdruck kommt, wäre, dass der Lebensabend eine Rolle spielt. Das lyrische Ich wird sich seines fortgeschrittenen Alters bewusst und nimmt daher die „jungen Gesellen“ (Zeile 9) wahr, denen es nicht vergönnt ist, auf Wanderschaft zu gehen. In der dritten Strophe sehnt sich das lyrische Ich in vergangene Zeiten zurück. Die Sehnsucht ist folglich mehrschichtig und beinhaltet den Wunsch nach Freiheit, Jugendlichkeit und nach vergangenen Zeiten.
Manchmal wirkt der Wortschatz etwas gar der Realität entrückt doch zweifellos schafft es Eichendorff, den Leser in die märchenhafte Welt des lyrischen Ichs zu entführen. Dementsprechend gut passt es in die Thematik des Innenlebens, welches in der Romantik eine tragende Rolle spielt.

Verfasser/in hinauf

Vorname Name , Neue Kantonsschule Aarau (4c), hat drei weitere Favoriten:

Quellen & Links hinauf -- DanielaZubler - 08 May 2007