Erich Kästner(1899-1974): Die Jugend Hat Das Wort (1946)

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Gedichttext hinauf

Erich Kästner

Die Jugend Hat Das Wort

Ihr seid die Ält'ren. Wir sind jünger.
Ihr steht am Weg mit gutem Rat.
Mit scharfgespitztem Zeigefinger
weist ihr uns auf den neuen Pfad.

Ihr habt das wundervoll erledigt.
Vor einem Jahr schriet ihr noch »Heil!«
Man staunt, wenn ihr jetzt »Freiheit« predigt
wie kurz vorher das Gegenteil.

Wir sind die Jüng'ren. Ihr seid älter.
Doch das sieht auch das kleinste Kind:
Ihr sprecht von Zukunft, meint Gehälter
und hängt die Bärte nach dem Wind!

Nun kommt ihr gar, euch zu beschweren,
daß ihr bei uns nichts Recht's erreicht?
O, schweigt mit euren guten Lehren!
Es heißt: Das Alter soll man ehren…
Das ist mitunter, das ist mitunter,
das ist mitunter gar nicht leicht.

Wir wuchsen auf in eurem Zwinger
Wir wurden groß mit eurem Kult.
Ihr seid die Ält'ren. Wir sind jünger.
Wer älter ist, hat länger schuld.

Wir hatten falsche Ideale?
Das mag schon stimmen, bitte sehr.
Doch was ist nun? Mit einem Male
besitzen wir selbst die nicht mehr!

Um unser Herz wird's kalt und kälter.
Wir sind so müd und ohn Entschluß.
Wir sind die Jüng'ren. Ihr seid älter.
Ob man euch wirklich -lieben muß?

Ihr wollt erklären und bekehren.
Wir aber denken ungefähr:
»Wenn wir doch nie geboren wären!«
Es heißt: Das Alter soll man ehren. . .
Das ist mitunter, das ist mitunter,
das ist mitunter furchtbar schwer.

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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Kästner, Erich
Titel: Die Jugend Hat Das Wort
Thema: Jugend
Gedichtform:  
Erscheinungsjahr: 1946
Zeilen: 39
Link: hier
Rezensent/in: MariusSaeuberli
Schwierigkeit: mittelschwer

Interpretation hinauf

1.) Autor: Erich Kästner/Entstehung des Gedichtes

Erich Kästner wurde 1899 in Dresden geboren. Als er in das Lehrerseminar eingetreten war, unterbrach der Erste Weltkrieg seine Ausbildung. Später studierte er unter anderem in Berlin und Leipzig Germanistik. Von 1927 an lebte er als freier Schriftsteller in Berlin.

Man kennt vor allem Kästners erfolgreiche Jugendbücher, darunter „Emil und die Detektive“, das schon 1928 als „Roman für Kinder“ veröffentlicht wurde.

Erich Kästner erlebte den Zweiten Weltkrieg sehr intensiv. Im Gegensatz zu vielen seiner regimekritischen Kollegen emigrierte er nicht nach der NS-Machtergreifung im Jahre 1933. Der nun Vierunddreissigjährige wollte seine Heimat nicht verlassen, obwohl er mehrmals von der Gestapo verhört, 1934 sowie 1937 verhaftet, aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen wurde und verstummen musste. Seine Bücher wurden wegen „zersetzender und unmoralischer“ Geisteshaltung öffentlich verbrannt und er erhielt Schreibverbot für Deutschland. Er blieb jedoch dort, um „Augenzeuge“ einer Entwicklung zu werden, die er vorausgesehen hatte.

Kästner hat den Nationalsozialismus also am eigenen Leib erfahren und schrieb als Reaktion darauf das Gedicht „Die Jugend Hat Das Wort“.

2.) Die Jugend Hat Das Wort(1946) Inhalt/Deutung

Im Gedicht gibt es zwei Parteien, die sich gegenüberstehen: auf der einen Seite die Jugend und auf der anderen Seite die ältere Generation. Die Älteren nehmen die Position der Gebildeten, der Aufgeklärten ein, welche die Jugend zurechtweisen und ihr zeigen müssen, wie sie sich zu benehmen hat. Die Älteren werden aber in diesem Gedicht von den Jungen stark kritisiert, ihnen wird vorgeworfen, sie hätten sich selber die Schuld zuzuschreiben, weil sie in der Vergangenheit nicht alles richtig gemacht hätten, dazu das Beispiel: „ Vor einem Jahr schriet ihr noch Heil“

Kästner will sagen, dass die Jugend gar nichts dafür kann, wenn sie der alten Generation zufolge keine Ideale mehr hat, da sie als Vorbild die Älteren hatte, die viele Dinge falsch sahen und der Jugend eben falsche Ideale vermittelten: „Wir wuchsen auf in eurem Zwinger, Wir wurden gross mit eurem Kult…, Wer älter ist, hat länger schuld.“

Kästner nimmt die Position einer neutralen Person ein und zeigt, dass die Fehler nicht beim Einzelnen zu suchen sind, sondern bei der Allgemeinheit. Es hat also keinen Sinn zu verurteilen, was ist, ohne zu verurteilen, was war.

3.) Form

Das Gedicht hat 8 Strophen, wobei 6 Strophen vierzeilig und 2 sechszeilig sind.

Nach 3 vierzeiligen Strophen folgt also eine sechszeilige. Somit sind Strophe 4 und Strophe 8 sechszeilig. Die Strophen 1,2,3,4,5,6 und 7 sind vierzeilig. Damit ergibt sich wie ein Höhepunkt in den Strophen 4 und 8; in beiden werden 3 ganze Zeilen wortgleich wiederholt: „Es heisst: Das Alter soll man ehren….das ist mitunter, das ist mitunter, das ist mitunter…“ Die vierte Strophe endet mit: „….das ist mitunter gar nicht leicht ", die achte endet „….das ist mitunter furchtbar schwer “, was eine Steigerung bedeutet : Die Kluft zwischen den Jungen und den Älteren wird breiter, das gegenseitige Unverständnis gravierender dargestellt.

Das Gedicht hält sich an kein festes Versmass. Was den Reim betrifft, so hat es

in den Strophen 1-3 sowie 5-7 Kreuzreime: abab,

in Strophe 4 und 8 Schweifreime.

Verfasser/in hinauf

Main.Marius Säuberli, Neue Kantonsschule Aarau (3D), hat drei weitere Favoriten:

Quellen & Links hinauf

  • Quelle 1:
  • Quelle 2:
  • Quelle 3:

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-- MariusSaeuberli - 30 Oct 2006