Erich Kästner (1899-1974): Die Wälder schweigen

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Gedichttext hinauf

Erich Kästner
Die Wälder schweigen

Die Jahreszeiten wandern durch die Wälder.
Man sieht es nicht. Man liest es nur im Blatt.
Die Jahreszeiten strolchen durch die Felder.
Man zählt die Tage. Und man zählt die Gelder.
Man sehnt sich fort aus dem Geschrei der Stadt.

Das Dächermeer schlägt ziegelrote Wellen.
Die Luft ist dick und wie aus grauem Tuch.
Man träumt von Äckern und von Pferdeställen.
Man träumt von grünen Teichen und Forellen
Und möchte in die Stille zu Besuch.

Die Seele wird vom Pflastertreten krumm.
Mit Bäumen kann man wie mit Brüdern reden
und tauscht bei ihnen seine Seele um.
Die Wälder schweigen. Doch sie sind nicht stumm.
Und wer auch kommen mag, sie trösten jeden.

Man flieht aus den Büros und den Fabriken.
Wohin, ist gleich! Die Erde ist ja rund!
Dort, wo die Gräser wie Bekannte nicken
und wo die Spinnen seidne Strümpfe stricken,
wird man gesund.

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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Kästner, Erich
Titel: Die Wälder schweigen
Thema: Natur - Mensch
Gedichtform:  
Erscheinungsjahr: 1920
Zeilen: 20
Link: hier
Rezensent/in: Florian Fankhauser
Schwierigkeit: mittelschwer

Rezension hinauf

Anfangs könnte man meinen Kästner wolle einfach die Selbstverständlichkeit der Natur aufs Blatt bringen. In den Versen 4 und 5 macht er uns dann aber klar, dass es ihm viel mehr um den Gegensatz zwischen Mensch und Natur, Land und Stadt, Stress und Ruhe und Depressivität der Stadt und Angenehmheit der Natur geht. Er nennt die Natur als das was die Menschen gesund macht und was den Menschen Vielfalt und Abwechslung genauso wie Geborgenheit und Freiheit bieten kann. Dies steht nach Kästner ganz im Gegensatz zur tristen, leblosen und monotonen Stadt.

Interpretation hinauf

Bereits die Ausdrücke „Die Jahreszeiten wandern durch die Wälder“ und „Die Jahreszeiten strolchen durch die Felder“ (V. 1 und 3) drücken einen Gegensatz zu dem monotonen Stadtleben aus, das den Menschen das immer gleiche rote „Dächermeer“ (V. 6), bietet. In der Natur dagegen erlebt der Mensch den Jahreszeitenwechsel, sieht Pflanzen die wachsen und blühen, oder Felder, auf denen zuerst gesät und dann geerntet wird. In der Stadt erlebt man die Zeit nicht, man kennt sie höchsten durch die Zeitung die Uhr oder den Kalender. Eine weitere Vorstellung von der Zivilisation, die das Gedicht aufzeigt, besagt wie die Seele des Menschen durch das monotone und denoch stressreiche Stadtleben krank wird. Dafür sind verschiedene Dinge verantwortlich, wie zum Beispiel „die Luft, die dick und wie aus einem grauen Tuch“ ist (vgl. V.7). Das triste Grau ist zusammen mit der Leblosigkeit, die durch die Metapher und Personifikation „das Dächermeer, das ziegelrote Wellen schlägt“ (V.6) ausgedrückt wird, da die vielen Dächer im Gegensatz zu Bäumen, die leben und Lebewesen als Schutz dienen, tot sind, für die kranke Seele verantwortlich. Ebenfalls belastend ist die grosse Masse der Menschen in den Städten in der der einzelne richtiggehend versinkt. Das zeigt Erich Kästner vor allem durch die wiederholte Verwendung des anaprisch genutzten unpersönlichen Personalpronomens „man“ (V.2, 4, 5, 8, 9, 12, 16 und 20) zum Ausdruck gebracht. Der Mensch möchte am liebsten „aus den Büros und den Fabriken“ der Stadt fliehen (V.16), und zwar dorthin, „wo die Gräser wie Bekannte nicken“ (V.18), d.h. in die Natur, die die Seele des Menschen von den Problemen des Alltags in der Stadt befreien kann. Die Vorstellung des Erzählers von Natur ist, dass die Natur die Träume der Menschen „von Äckern und von Pferdeställen“ (V.8) und „von grünen Teichen und Forellen“ (V.9) erfüllen kann. Zwischen der Natur und dem Menschen besteht Nähe und Verwandtschaft, denn „mit Bäumen kann man wie mit Brüdern reden“ (V.12). Der Mensch ist in der Natur nicht mehr nur einer unter vielen; er kann sich ganz alleine der Natur anvertrauen, denn die Natur gibt ihm das, was er braucht: Stille („Und möchte in die Stille zu Besuch“, V.10). Sie ist der Ort, an dem der Mensch sich erholen, sich entspannen und ruhig werden kann, und sie ist letztendlich der Ort, der die Seele des Menschen wieder gesund macht, da sie die Sehnsüchte der Menschen ausfüllen kann. Diese Erkenntnis schreibt er ganz pentrant am Schluss des Gedichtes und betont sie auch noch auf eine spezielle Art, indem er von 5-hebigen Jambus der sich durch den Rest des Gedichts zieht auf einen 2-Heber wechselt.

Florian Fankhauser hinauf

Florian Fankhauser, Neue Kantonsschule Aarau (G 4A), hat zwei weitere Favoriten:

Quellen & Links hinauf

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