Erich Kästner (1899-1974): Das Eisenbahngleichnis (1931)

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Gedichttext hinauf

ERICH KÄSTNER
Das Eisenbahngleichnis

Wir sitzen alle im gleichen Zug
und reisen quer durch die Zeit.
Wir sehen hinaus. Wir sahen genug.
Wir fahren alle im gleichen Zug.
Und keiner weiß, wie weit.

Ein Nachbar schläft, ein anderer klagt,
ein dritter redet viel.
Stationen werden angesagt.
Der Zug, der durch die Jahre jagt,
kommt niemals an sein Ziel.

Wir packen aus. Wir packen ein.
Wir finden keinen Sinn.
Wo werden wir wohl morgen sein?
Der Schaffner schaut zur Tür herein
und lächelt vor sich hin.

Auch er weiß nicht, wohin er will.
Er schweigt und geht hinaus.
Da heult die Zugsirene schrill!
Der Zug fährt langsam und hält still.
Die Toten steigen aus.

Ein Kind steigt aus. Die Mutter schreit.
Die Toten stehen stumm
am Bahnsteig der Vergangenheit.
Der Zug fährt weiter, er jagt durch die Zeit,
und niemand weiß, warum.

Die I. Klasse ist fast leer.
Ein feister Herr sitzt stolz
im roten Plüsch und atmet schwer.
Er ist allein und spürt das sehr.
Die Mehrheit sitzt auf Holz.

Wir reisen alle im gleichen Zug
zur Gegenwart in spe.
Wir sehen hinaus. Wir sahen genug.
Wir sitzen alle im gleichen Zug
und viele im falschen Coupé.

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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Kästner, Erich
Titel: Das Eisenbahngleichnis
Thema: Leben, Zeit
Gedichtform: /
Erscheinungsjahr: 1931
Zeilen: 35
Link: hier
Rezensent/in: Uriel Scholl
Schwierigkeit: Einfach

Interpretation hinauf

Das Eisenbahngleichnis entstand 1931, also mitten in Kästners Blütezeit, in der auch seine berühmten Kinderbücher entstanden. Im Gegensatz zu den Märchenwelten seiner Kinderbücher, befasst er sich in diesem Gedicht jedoch mit der Realität. Das Gedicht handelt vom „Kollektivleben“ der Menschen, welches er einer ewigen Zugfahrt gleichsetzt. Die Gegenwart wird durch den Zug dargestellt, aus dem die Lebenden hinausschauen, während er sicht auf den Geleisen der Zeit fortbewegt.

Das Gedicht hat keine bestimmte Form. Die sieben Strophen sind aus jeweils fünf mit Schema ABAAB gereimten Versen aufgebaut, denen meist der Jambus als Versfuss dient. In der ersten und letzten Stophe kommen sowohl Anapäst als auch Jambus vor. Diese beiden Strophen kann man auch als Ein- bzw. Ausblendung des Betrachteten verstehen.

Obwohl es vor gut siebzig Jahren geschreiben wurde, ist es immernoch gut auf unsere Gesellschaft anwendbar. Zuoberst im Weltgeschehen stehen immernoch einige Wenige, Reiche, Bevorteilte. Der Grossteil der Menschen gehört zur zweiten oder dritten Klasse. Der Schaffner – ein Symbol für Staat oder Gesetz – lächelt nur und weiss auch nicht wirklich was er eigentlich will. Die Leute klagen, reden oder schlafen, statt sich Gedanken zur Welt zu machen und sich zu überlegen wie man sie verbessern könnte, um z.B. seine Kinder – die Zukunft – vor dem Tod zu bewahren.

Irgendwie wissen es alle: Das Leben ist sinnlos. Man kann es nicht von seinem Kurs – den Geleisen – abbringen. Schlussendlich spielt aber all das sowieso keine Rolle, da jeder irgendwann einmal sterben wird. Dieser pessimistische Unterton ist unüberhörbar. Zwischen der zweiten und sechsten Strophe verschlechtern sich die Umstände und angesprochenen Themen sichtlich.

Zu diesem Punkt muss gesagt werden, dass das Gedicht nach einer Weltwirtschaftskrise und vor einem Weltkrieg veröffentlicht wurde. Kästner unterstrich mit diesem Gedicht die negativen Gefühle dieser Zeit. Es wiederspiegelt auch seine äusserst pessimistische Anschauung der Menschheit: Sie rattert einfach geradeaus drauflos und niemand interessiert sich für das, was kommt. Obwohl wir im gleichen Zug sitzen, ist jeder für sich allein.

Verfasser/in hinauf

Main.Uriel Scholl, Neue Kantonsschule Aarau (4C), hat drei weitere Favoriten:

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