Erich Kästner (1899-1974): Jahrgang 1899 (1928)

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Gedichttext hinauf

Erich Kästner
Jahrgang 1899

Wir haben die Frauen zu Bett gebracht,
als die Männer in Frankreich standen.
Wir hatten uns das viel schöner gedacht.
Wir waren nur Konfirmanden.

Dann holte man uns zum Militär,
bloß so als Kanonenfutter.
In der Schule wurden die Bänke leer,
zu Hause weinte die Mutter.

Dann gab es ein bißchen Revolution
und schneite Kartoffelflocken;
dann kamen die Frauen, wie früher schon,
und dann kamen die Gonokokken.

Inzwischen verlor der Alte sein Geld,
da wurden wir Nachtstudenten.
Bei Tag waren wir bureau-angestellt
und rechneten mit Prozenten.

Dann hätte sie fast ein Kind gehabt
ob von dir, ob von mir - was weiß ich!
Das hat ihr ein Freund von uns ausgeschabt,
Und nächstens werden wir Dreißig.

Wir haben sogar ein Examen gemacht
und das meiste schon wieder vergessen.
Jetzt sind wir allein bei Tag und bei Nacht
und haben nichts Rechtes zu fressen!

Wir haben der Welt in die Schnauze geguckt,
anstatt mit Puppen zu spielen.
Wir haben der Welt auf die Weste gespuckt,
soweit wir vor Ypern nicht fielen.

Man hat unsern Körper und hat unsern Geist
ein wenig zu wenig gekräftigt.
Man hat uns zu lange, zu früh und zumeist
in der Weltgeschichte beschäftigt!

Die Alten behaupten, es würde nun Zeit
für uns zum Säen und Ernten.
Noch einen Moment. Bald sind wir bereit.
Noch einen Moment. Bald ist es so weit!
Dann zeigen wir euch, was wir lernten!

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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Kästner, Erich
Titel: Jahrgang 1899
Thema: Krieg
Erscheinungsjahr: 1928
Zeilen: 37
Link: hier
Rezensent/in: Ilva Gerber
Schwierigkeit: mittelschwer

Interpretation hinauf

Das Gedicht "Jahrgang 1899" hat Erich Kästner 1927 geschrieben. Es trägt als Titel seinen Jahrgang. Erich Kästner wurde in Dresden geboren, er war deutscher Schriftsteller, Drehbuchautor und Kabarettist. Er wuchs in Dresden auf, besuchte das Lehrerseminar, brach dann aber die Ausbildung ab. 1917 wurde er in den Militärdienst berufen, die Erfahrungen, die er dort sammelte machten ihn zum Antimilitaristen und prägten später viele seiner Gedichte. Nach Ende des Krieges absolvierte Kästner das Abitur und begann ein Studium in Geschichte, Philosophie, Germanistik und Theaterwissenschaft. Bereits 1919 wurden seine ersten Gedichte in verschiedenen Zeitungen veröffentlicht. 1927 zog Kästner nach Berlin und schrieb viele Texte unter Pseudonymen. 1928 veröffentlichte er seine erste Gedichtsammlung "Herz auf Taille", in dem auch "Jahrgang 1899" abgedruckt war. Obwohl nach 1933 nur noch wenig von ihm veröffentlicht wurde, verkauften sich die Kinderbücher immer sehr gut. Erich Kästner starb 1974 in München.

Im Gedicht "Jahrgang 1899" beschreibt Kästner die Gefühle und Ereignisse der Gesellschaft nach dem Ersten Weltkrieg. Er spricht davon, dass er und der ganze Jahrgang 1899 im jungen Alter "Wir waren nur Konfirmanden" ins Militär einziehen mussten. Dort wurden sie "als Kanonenfutter" verheizt. Nach ihrer Rückkehr waren Krankheiten "dann kamen die *Gonokokken" und Armut der Familie "Inzwischen verlor der Alte sein Geld" spürbare Folgen des Krieges. Und obwohl sie gut überlebt hatten, war das Leben nach dem Krieg hart, es gab nicht viel zu essen "nichts Rechtes zu fressen" und von Optimismus keine Spur. Die Passagen " anstatt mit Puppen zu spielen" und "Man hat unsern Körper und hat unsern Geist ein wenig zu wenig gekräftigt." lassen erkennen, dass Kästner sich seiner Kindheit betrogen fühlte und dem Militär bzw. den Machthabern seiner Jugendzeit "man" die Schuld dafür gibt.

"Jahrgang 1899" ist in neun Strophen eingeteilt, mit jeweils vier Versen (Ausnahme: letzte Strophe). Sie bestehen alle aus Kreuzreimen, Jamben und Anapästen mit drei bis vier Hebungen, die das Tempo antreiben. "Dann" und "und" kommen sehr oft am Anfang der Verse vor und lassen den Protagonisten eher ungebildet erscheinen, zudem stört diese Wiederholung den Lesefluss.

Ich denke, in diesem Gedicht will Kästner die pessimistische Stimmung der Gesellschaft nach dem Krieg und die vielen Nachteile der Nachkriegszeit zeigen. Seine antimilitaristische Einstellung ist klar zu erkennen, er schreibt abschätzig über das Militär und seine Umgangsart. Durch die einfachen Sätze und das antreibende Metrum lässt sich erkennen, dass er sich vom Krieg und seinen Folgen entfernen will und daher auch nichts davon genauer beschreibt.

Verfasser/in hinauf

Ilva Gerber, Neue Kantonsschule Aarau (2004B), hat drei weitere Favoriten:

Quellen & Links hinauf

-- IlvaGeber - 29 May 2007