Erich Kästner (1899-1974): Kennst du das Land, wo die Kanonen blühn? (1928)

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ERICH KÄSTNER
Kennst du das Land, wo die Kanonen blühn?

Kennst du das Land, wo die Kanonen blühn?
Du kennst es nicht? Du wirst es kennenlernen!
Dort stehn die Prokuristen stolz und kühn
in den Bureaus, als wären es Kasernen.

Dort wachsen unterm Schlips Gefreitenknöpfe.
Und unsichtbare Helme trägt man dort.
Gesichter hat man dort, doch keine Köpfe.
Und wer zu Bett geht, pflanzt sich auch schon fort!

Wenn dort ein Vorgesetzter etwas will
- und es ist sein Beruf etwas zu wollen -
steht der Verstand erst stramm und zweitens still.
Die Augen rechts! Und mit dem Rückgrat rollen!

Die Kinder kommen dort mit kleinen Sporen
und mit gezognem Scheitel auf die Welt.
Dort wird man nicht als Zivilist geboren.
Dort wird befördert, wer die Schnauze hält.

Kennst du das Land? Es könnte glücklich sein.
Es könnte glücklich sein und glücklich machen!
Dort gibt es Äcker, Kohle, Stahl und Stein
und Fleiß und Kraft und andre schöne Sachen.

Selbst Geist und Güte gibt's dort dann und wann!
Und wahres Heldentum. Doch nicht bei vielen.
Dort steckt ein Kind in jedem zweiten Mann.
Das will mit Bleisoldaten spielen.

Dort reift die Freiheit nicht. Dort bleibt sie grün.
Was man auch baut - es werden stets Kasernen.
Kennst du das Land, wo die Kanonen blühn?
Du kennst es nicht? Du wirst es kennenlernen!

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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Kästner, Erich
Titel: Kennst du das Land, wo die Kanonen blühn?
Thema: Anti-Militarismus, Anti-Faschismus
Gedichtform: Lied
Erscheinungsjahr: 1928
Zeilen: 28
Link: hier
Rezensent/in: MarkusKaeppeli
Schwierigkeit: mittelschwer

Interpretation hinauf

Inhalt

Erich Kästner (1899 - 1974) stellt uns in diesem kritischen Gedicht mittels einem/einer verdeckten Sprecher/in ein in höchstem Grade absolutistisch regiertes Land vor, in dem Krieg und Disziplin hoch gelobt werden. Alle gehen im Gleichschritt, niemand hat eine eigene Meinung. Wer aus der Reihe tanzt, hat keine Zukunft. Erfolg ist einem nur gegönnt, wenn man mit dem Strom fliesst. Es ist eine passende Beschreibung vom Deutschen Reich im Zweiten Weltkrieg, auch wenn der Text zu diesem Zeitpunkt schon beinahe 20 Jahre alt ist.

Form

Dieses Lied ist aus sieben Quartetten (Strophe mit 4 Versen) aufgebaut. Diese wiederum aus 5-hebigen Jamben mit alternierend männlicher und weiblicher Kadenz. Wenn man das Reimschema untersucht, findet man Kreuzreime (ABAB). Als rhetorische Figur fällt natürlich der Titel ins Auge "[...]wo die Kanonen blühn?" (Personifikation). Weiter beinhaltet dieses Gedicht ein Gewisses Mass an Ironie (Zeile 17-22). Die zahlreichen Anaphern (z.B. Zeile 15f) haben eine verstärkende Wirkung. Erich Kästner schrieb dieses Gedicht während der Zeit der sogenannten "Neuen Sachlichkeit", einer Richtung der "Literatur der Weimarer Republik". Typisch für diese Epoche ist die gefühlslose, dokumentarische Beschreibung der Gesellschaft.

Deutung

Besonders interessant ist der biografische Deutungsansatz. 1917 wurde Erich Kästner im Alter von 18 Jahren in den 1. Weltkrieg eingezogen und bereits 1918 vor Kriegsende aus psychologischen Gründen wieder entlassen. Er hatte einiges zu verarbeiten, weil viele seiner besten Freunde während der brutalen Schlachten gefallen sind. So begründe ich auch seine anti-militaristische und anti-faschistische Einstellung. Als Adolf Hitler 1933, 5 Jahre nach Erscheinung des Gedichts, die Macht in Deutschland übernimmt, werden viele von Kästners Werken verboten und von den Nationalsozialisten verbrannt.

Dieser Ansatz läuft Hand in Hand mit einem psychologischen. Erich Kästner ist wütend. Er ist verletzt. Das möchte er in diesem Gedicht zum Ausdruck bringen.

Literarisch meines Erachtens nicht wichtig, aber dennoch erwähnenswert, ist die Übereinstimmung mit Goethes "Mignon", welches mit dem Satz "Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn'?" beginnt. Inhaltlich, wie auch formal, wurde jedoch nichts übernommen.

Verfasser/in hinauf

MarkusChaeppeli, Neue Kantonsschule Aarau 3D, hat drei weitere Favoriten:

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