ERICH KÄSTNER (1899-1974): Die Entwicklung der Menschheit

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ERICH KÄSTNER
Die Entwicklung der Menschheit

Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt,
behaart und mit böser Visage.
Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt,
und die Welt asphaltiert und aufgestockt
bis zur dreißigsten Etage.

Da saßen sie nun, den Flöhen
in zentralgeheizten Räumen.
Da sitzen sie nun am Telefon,
und es herrscht noch genau der selbe Ton
so wie seinerzeit auf den Bäumen.

Sie hören weit, sie sehen fern,
sie sind mit dem Weltall in Fühlung.
Sie putzen die Zähne, sie atmen modern,
die Erde ist ein gebildeter Stern
mit sehr viel Wasserspülung

Sie schießen die Briefschaften durch ein Rohr,
sie jagen und züchten Mikroben,
sie verseh'n die Natur mit allem Komfort
sie fliegen steil in den Himmel empor
und bleiben zwei Wochen oben.

Was ihre Verdauung übrigläßt
das verarbeiten sie zu Watte.
Sie spalten Atome, sie heilen Inzest.
Sie stellen durch Stiluntersuchungen fest,
daß Cäsar Plattfüße hatte.

So haben sie mit dem Kopf und dem Mund
den Fortschritt der Menschheit geschaffen.
Doch davon mal abgesehen und bei Lichte betrachtet
sind sie im Grund
noch immer die alten Affen.

Quelle:
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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Kästner, Erich
Titel: Die Entwicklung der Menschheit
Thema: Sozialkritik
Gedichtform: Satire
Erscheinungsjahr: z.B. 1829
Zeilen: 30
Link: hier
Rezensent/in: ManuelaZeller
Schwierigkeit: einfach

Interpretation hinauf

Angaben zu Autor/in und Entstehung: Die Entwicklung der Menschlichkeit - Im Titel wird bereits die Ironie und der Hohn des Werkes angedeutet. Angekündigt wird schliesslich ein Text zur Entwicklung der Menschheit, tatsächlich handelt er vom genauen Gegenteil: von der Unterentwicklung Menschheit. In der letzten Zeile wird das bestätigt: „Bei Lichte betrachtet, sind sie im Grund noch immer die alten Affen.“
Um diese Aussage zu belegen unterteilt Kästner die Entwicklung der Menschheit in zwei Sparten: Technische Entwicklung (z.B. Forschung) und Menschliche Entwicklung (zum Beispiel Charakter,Sitte und Kultur). Als Teil des Menschlichen Fortschritts zählt er auch die gute Anwendung des Technischen Fortschritts.
Diese beiden Arten von Entwicklung stellt er einander gegenüber. In „sie stellen durch Stiluntersuchungen fest, dass Cäsar Plattfüße hatte“ zeigt er zum Beispiel, dass wir dank riesigem Fortschritt in der Forschung mehr als 2000 Jahre zurückschauen können (hoher Technischer Fortschritt), das aber nutzen, um völlig nichtige Dinge zu erforschen (fehlender menschlicher Fortschritt).
*Diese Sozialkritik* wird im oben genannten Satz („... bei Lichte betrachtet sind sie im Grunde immer noch die selben Affen“) ergänzt. Er impliziert, dass wir das Thema üblicherweise nicht bei Lichte betrachten, sondern bei Dunkelheit, sei das nun zu wenig, oder zu subjektives Denken.

Die Ironie im Gedicht dürfte auf die Biographie des Autors zurückzufüren sein: Das Lyrische Ich hat die Perspektive eines Aussenstehenden, wie auch Kästner als Aussenseiter galt. Er erlebte den ersten Weltkrieg als deutschen Soldaten, das dritte Reich als Systemkritiker. Die beiden Kriege hinterliessen Spuren bei Kästner. Er war verbittert, besonders weil er beobachten musste, dass einige Verantworltiche für den 2. Weltkrieg auch nach dessen Ende noch Machtpositionen innehatten.
Von seinen Zeitgenossen hielt er, besonders während und nach dem 3. Reich, wenig. Das zeigt er deutlich, zum Beispiel in seinem Gedicht Zeitgenossen haufenweise („Es ist nicht leicht, sie ohne Haß zu schildern und ganz unmöglich geht es ohne Hohn“).
Gründe für Kästners Sozialkritik finden sich auch im historishen Kontext: Der Wiederaufbau in Deutschland war hart. Millionen Männer fehlten, Infrastrukturen waren zerstört, die Währung abgewärtet. Trotzdem gelang Deutschland das sogenannte Wirtschaftswunder und gehörte nach kurzer Zeit zu den wirtschaftlich wichtigsten Länder der Welt. Während dieser Zeit dominierte wirtschaftliches, rationales Denken. Fortschritt wurde in Zahlen oder Hochhäusern gemessen, Kultur und sogenannte weiche Faktoren zählten nur noch wenig. Kästner lehnte diese Haltung ab, wie in unserem Gedicht, wie auch in Zeitgenossen haufenweise (In ihren Händen wird aus allem Ware.In ihrer Seele brennt elektrisch Licht) deutlich zur Sprache kommt.

Eine weitere Auffälligkeit im Text , neben der oben erläuterten Ironie, ist die kühle Sachlichkeit. Diese, wie auch die kühle, distanzierte Erzählhaltung ist typisch für die Neue Sachlichkeit. Die Neue Sachlichkeit ist eine Richtung in Kunst und Literatur, die nach dem 1. Weltkrieg aufkam. neu-sachliche Literatur schildert die Welt typischerweise nüchtern und klar, oftmals sozialkritisch, Beobachten ist das Zentrale Anliegen. Dichterische Formen wurden zur Nebensache.
So klingt auch dieses Gedicht, vom Autoren selbst intoniert, eher wie ein Fliesstext, denn wie ein Gedicht. Dazu trägt der Zeilenstil mit den wenigen Enjambements bei, sowie der inkonsequente Daktylus, das flexible Reimschema (z.T. abaab), die unkonsequent alternierende Kadenz und die zum Teil unreimen Reime. Viel Wert legt Kästner hingegen auf Wortspiele, Anspielungen und Rhetorische Figuren,die auch den Reiz des Werkes ausmachen. Kästner gebraucht auch einige Rhetorische Figuren, wie zum Beispiel eine Alliteration in Zeile 4.
Manuela Zeller

Verfasser/in hinauf

Main.Zeller Manuela, Neue Kantonsschule Aarau (3B), hat drei weitere Favoriten:

Quellen & Links hinauf

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