Erich Kästner (1899- 1974): Sachliche Romanze (1929)

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Gedichttext hinauf

ERICH KÄSTNER
Sachliche Romanze

Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie anderen Leuten ein Stock oder Hut.

Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wussten nicht weiter.
Da weinte sie schliesslich. Und er stand dabei.

Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagte, es wäre schon Viertel nach Vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.

Sie gingen ins kleinste Café am Ort
und rührten in ihren Tassen.
Am Abend sassen sie immer noch dort.
Sie sassen allein, und sprachen kein Wort
Und konnten es einfach nicht fassen.

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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Kästner, Erich
Titel: Sachliche Romanze
Thema: Trennung, Gefühle
Gedichtform: Lied
Erscheinungsjahr: 1929
Zeilen: 17
Link: hier
Rezensent/in: AnnaWaelty
Schwierigkeit: einfach

Interpretation hinauf

Das Gedicht wurde in Erich Kästners produktivster Zeit geschrieben und ist dem Realismus zuzuordnen. Zudem ist es ein gutes Beispiel für die Neue Sachlichkeit.

„Unter Neuer Sachlichkeit versteht man in der Literatur der Weimarer Republik eine Richtung, die sich nüchtern und realistisch abgrenzt vom (…) Expressionismus. An die Stelle emphatischer Wendungen und radikal-romantischer Bilder trat eine ernüchterte, oft kühl-distanzierte, beobachtende Haltung, die dokumentarisch-exakt und scheinbar gefühllos die moderne Gesellschaft darstellte (…)Tendenz ist die Rückkehr zum verlässlichen Äußeren.“ (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Neue_Sachlichkeit_%28Literatur%29)

Das Gedicht erzählt in der ersten Strophe wie ein Liebespaar, das sich lange und innig liebte, sich nun plötzlich nicht mehr liebt. Die zweite Strophe zeigt, wie die beiden vergeblich versuchen, dies voreinander zu verbergen, dabei sich selber täuschen und am Schluss aufgrund ihrer Ratlosigkeit erstarren. Doch auch, als ihre Situation beiden völlig klar ist, wird in der dritten Strophe davon abgelenkt: die lebendige Umgebung des Pärchens wird beschrieben, die einen Gegensatz zum verharrenden Paar bildet. Die letzte Strophe zeigt die endgültige Erstarrung ihrer Liebe, sie gehen zusammen in ein Café, aber sprechen kein Wort miteinander.

Die Neue Sachlichkeit zeigt sich im Gedicht vor allem dadurch, dass sich der verdeckte Sprecher nur auf das Beobachtbare konzentriert, dies lässt einerseits der Fantasie der Leser freie Bahn, anderseits wirkt das Gedicht ironisch, weil eine tragische und gefühlsvolle Situation absolut sachlich beschrieben wird. Die Sachlichkeit stellt einen klaren Widerspruch zu einer Romanze, der das Wort „Romantik“ verwandt ist, dar. Unter einer Romanze versteht man in der Literatur einen Heldenepos. So bildet der Gedichttitel in sich ein Oxymoron.

Das Gedicht ist in drei Strophen zu vier Zeilen mit abwechselnd männlicher und weiblicher Kadenz in Kreuzreimen gegliedert. Die vierte Strophe fällt auf aufgrund ihrer fünf Zeilen die sich auf: a, b, a, a, b reimen. Ein fixes Metrum ist durch das ganze Gedicht nicht erkennbar, am meisten fällt die letzte Zeile durch ihre „holprige“ Struktur auf. Auffällig sind die vielen Parallelismen im Gedicht, die verdeutlichen, dass das Pärchen seine Gemeinsamkeiten verloren hat. Sie zeigen die Gegensätzlichkeit, insbesondere im Handeln, der beiden und verdeutlichen, wie weit sie sich voneinander entfernt haben.

Die Allegorie in der neunten Zeile verdeutlicht, dass das Paar aus der momentanen Situation entfliehen will. Die Schiffe stellen das Fernweh und einen ersehnten Neuanfang dar.

Verfasser/in hinauf

AnnaWaelty Neue Kantonsschule Aarau (4C) hat drei weitere Favoriten:
  • Chidher
  • Der Werwolf
  • Kennst du das Land, wo die Kanonen blühn?

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