-- TanjaStump - 14 Nov 2006

Kaschnitz, Marie Luise (1901-1974): Hiroshima (1951)

Gedicht | Kurzinformation | Interpretation | Verfasser/in | Quellen | LEXIKON

Gedichttext hinauf

MARIE LUISE KASCHNITZ
Hiroshima

Der den Tod auf Hiroshima warf
Ging ins Kloster, läutet dort die Glocken.
Der den Tod auf Hiroshima warf
Sprang vom Stuhl in die Schlinge, erwürgte sich.
Der den Tod auf Hiroshima warf
Fiel in Wahnsinn, wehrt Gespenster ab
Hunderttausend, di ihn angehen nächtlich
Auferstandene aus dem Staub für ihn.

Nichts von alledem ist wahr.
Erst vor kurzem sah ich ihn
Im Garten seines Hauses vor der Stadt.
Die Hecken waren noch jung und die Rosenbüsche zierlich.
Das wächst nicht so schnell, dass sich einer verbergen könnte
Im Wald des Vergessens. Gut zu sehen war
Das nackte Vorstadthaus, die junge Frau
Die neben ihm stand im Blumenkleid
Das kleine Mädchen an ihrer Hand
Der Knabe der auf seinem Rücken sass
Und über seinem Kopf die Peitsche schwang.
Sehr gut erkennbar war er selbst
Vierbeinig auf dem Grasplatz, das Gesicht
Verzerrt von Lachen, weil der Photograph
Hinter der Hecke stand, das Auge der Welt.

Quelle:
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Vorgelesen:
http://www.kaschnitz.de/sound/hiroshim.mp3
Kurzinformation hinauf

Autor/in: Kaschnitz, Marie Lusie
Titel: Hiroshima
Thema: Krieg und Gewalt
Gedichtform: keine Angabe
Erscheinungsjahr: 1951
Zeilen: 23
Link: hier
Rezensent/in: TanjaStump
Schwierigkeit: mittelschwer

Interpretation hinauf

Hiroshima ist das berühmteste Gedicht von Marie Luise Kaschnitz (1901-1974). Es entstand 1951, 6 Jahre nach dem eigentlichen Atombombenabwurf über Hiroshima. Dieser inspirierte sie, dieses zum Nachdenken anregende Gedicht zu schreiben. Als sie 44 Jahre alt war, erfuhr sie von der schrecklichen Gräueltat. Dieses Verbrechen hat keinen kalt gelassen, auch Kaschnitz nicht, die mit diesem Gedicht ihre Gefühle ausdrücken und zugleich die Geschehnisse verarbeiten konnte.

Das Gedicht selbst handelt vom Leben des Täters, der die Atombombe auf Hiroshima warf. Es gibt zwei Sichtweisen. Die erste handelt von der Vorstellung der Menschen, wie sich der Attentäter nach normalem Menschenverstand fühlen müsste, nämlich schuldig und sühnend. Die zweite präsentiert die Wirklichkeit. Wie der Attentäter ein normales Familienleben mit Frau und Kindern zu bewältigen und zugleich seine Schuldgefühle zu verdrängen versucht. Dies gelingt ihm aber nicht, da ihn das „Auge der Welt“ ständig beobachtet.

Das Gedicht ist in zwei Strophen eingeteilt. Die gleichzeitig die „Wunschvorstellung“ von der Realität trennen. Das Gedicht gleicht eher einer Erzählung, da es keine Reime beinhaltet. Zudem ist der Trochäus nicht durchgehend. Kaschnitz bedient sich einiger rhetorischen Figuren um die Grausamkeit der Tat zu betonen und um zu verdeutlichen, dass man noch in hunderten von Jahren darauf zurückblicken wird. Zu sehen ist das gut in der dreifachen Wiederholung der Worte „Der den Tod auf Hiroshima warf“ und in der Metapher des „Auges der Welt“. Diese Elemente geben dem Gedicht einen dramatischen und zusätzlich tragischen Ton.

Man kann „Hiroshima“ als Kritik an der Gesellschaft auffassen. Einerseits verdrängen wir alle unsere Gefühle, wie in diesem Fall die Schuldgefühle, und scheuen die Konfrontation mit unseren Problemen. Andererseits sind die Medien im Vormarsch. Sie verunmöglichen es den Betroffenen in einem gewissen Masse die Geschehnisse aufzuarbeiten. Doch wenn man das ganze aus der Sicht des Piloten betrachtet, ist es auch ein Appell, dass man Verantwortung für seine Taten übernehmen muss. Denn auch der Soldat ist nur ein Opfer, der einen Befehl ausführte.

Verfasser/in hinauf

Tanja Stump, Neue Kantonsschule Aarau (4C), hat drei weitere Favoriten:

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