GOTTFRIED KELLER (1819-1890): Erster Schnee (1846)

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Gedichttext hinauf

Gottfried Keller
Erster Schnee

Wie nun alles stirbt und endet
Und das letzte Lindenblatt
Müd sich an die Erde wendet
In die warme Ruhestatt,
So auch unser Thun und Lassen,
Was uns zügellos erregt,
Unser Lieben, unser Hassen
Sei zum welken Laub gelegt.

Reiner weißer Schnee, o schneie,
Decke beide Gräber zu,
Daß die Seele uns gedeihe
Still und kühl in Wintersruh!
Bald kommt jene Frühlingswende,
Die allein die Liebe weckt,
Wo der Haß umsonst die Hände
Dräuend aus dem Grabe streckt.

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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Keller, Gottfried
Titel: Erster Schnee
Thema: Winter
Gedichtform: Gedicht
Erscheinungsjahr: 1846
Zeilen: 16
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Rezensent/in: Christine Fischer
Schwierigkeit: mittelschwer

Interpretation hinauf

Gottfried Keller (1819-1890) hat das Gedicht „Erster Schnee“ 1846 erstmals in einem
Sammelband veröffentlicht. Zu dieser Zeit war er gerade in einem bedeutenden
Lebensabschnitt, er fand nämlich damals den Weg vom Malen zum Schreiben. Das Gedicht
wurde in seinem ersten Gedichtband veröffentlicht.
Das Gedicht beschreibt die Wandlung der menschlichen Seele durch die Jahreszeit Winter.
Wenn die Bäume zur Anfangszeit des Winters fast ganz verwelkt sind und alles kahl und leer
wird, legen auch die Menschen all ihre Gefühle nieder (1.Strophe). Die Befreiung von Hass
und Liebe (Verse 7/8) zeigt eine Art Reinigung von jenem, was belastend („zügellos erregt“)
wirken könnte (Vers 6). Im 2. Teil des Gedichts wird eine Neubildung (Vers 11) einer reinen
und liebenden Seele beschrieben (Vers 14). Der Schnee wird als „rein“ beschrieben, er lässt
die beiden Gefühle anfangs Winter verschwinden und zur „Frühlingswende“(Vers 13) befreit
er die reinen, guten und „liebenden“ Gefühle wieder, ohne den Hass zurückzubringen (Verse 14/15).
Der Dichter hat einen sehr regelmässigen formellen Stil gewählt. Die 2 Strophen mit je 8
Versen, sind in einem Kreuzreim aufgebaut, wobei die Verse abwechslungsweise weibliche
und männliche Kadenzen haben, was dem Gedicht eine ruhige und traurige
Stimmung verleiht. Das Metrum, ein Trochäus, gibt dem Gedicht ebenfalls einen ruhigen
Ton, durch welchen der Inhalt des Gedichtes viel trauriger wahrgenommen wird, als es
meiner Meinung nach eigentlich sein sollte. Eine Reinigung der Seele ist ruhig und still, aber
nicht traurig.
Eine eindeutige Aussage kann bei diesem Gedicht nicht gemacht werden, denn es gibt sehr
viele Möglichkeiten, dieses Gedicht zu interpretieren. Man kann jedoch klar erkennen, dass
der Autor seine Gefühle mit der Natur ausdrücken wollte. Durch diese Naturverbundenheit
kann man darauf schliessen, dass das Gedicht dem Naturalismus zugeordnet werden kann.
Der Dichter beschreibt einen Wechsel der Zeit, eine Wandlung des Lebens, welche ständig
wiederholt wird und alle Gefühle reinigt. Die Wahl der Jahreszeit Winter muss bei einer
Interpretation sicherlich beachtet werden, da diese Zeit eine Zeit der Stille,der Ruhe und des
Friedens ist. So sollte auch die beschriebene Wandlung in einer solchen Zeit geschehen und
als rein betrachtet werden.

Thema/Schlagworte hinauf

-Jahreszeitenwechsel
-Der Winter als reinigende Zeit
-Seelenreinigung

Verfasser/in hinauf

Main.Christine Fischer, Neue Kantonsschule Aarau (2004B), hat drei weitere Favoriten:

Quellen & Links hinauf

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