Wilhelm Lehmann (1882-1968): Auf sommerlichem Friedhof (1944)

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Gedichttext hinauf

Wilhelm Lehmann

Auf sommerlichem Friedhof

Der Fliegenschnäpper steinauf, steinab. Der Rosenduft begräbt dein Grab. Es könnte nirgend stiller sein. Der darin liegt, erschein, erschein!

Der Eisenhut blitzt blaues Licht. Komm, wisch den Schweiß mir vom Gesicht. Der Tag ist süß und ladet ein, Noch einmal säßen wir zu zwein.

Sirene heult, Geschützmaul bellt. Sie morden sich: es ist die Welt. Komm nicht! Komm nicht! Laß mich allein, Der Erdentag lädt nicht mehr ein. Ins Qualenlose flohest du, O Grab, halt deine Tür fest zu!

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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Lehmann, Wilhelm
Titel: Auf sommerlichem Friedhof
Thema: Zweiter Weltkrieg
Erscheinungsjahr: 1944
Zeilen: 14
Rezensent/in: Pascal Droux
Schwierigkeit: mittel

„Auf sommerlichem Friedhof“ ist ein Gedicht von Wilhelm Lehmann aus dem Jahre 1944, in welchem sich jener an seinen verstorbenen Dichterkollegen Oskar Loerke wendet. Die beiden Poeten trafen sich schon in jungen Jahren, während dem Studium an der Universität Berlin und blieben bis zum Tod Loerkes im Jahre 1941 durch eine innige Freundschaft verbunden. Sowohl Lehmann als auch Loerke gehörten zu jenen deutschen Schriftstellern, denen es gelungen ist, sich mit dem dritten Reich zu arrangieren, so verblieben sie auch in den grössten Ausartungen des Weltkrieges in ihrer Heimat. Obwohl es nicht richtig ist, von Kollaboration zu sprechen, haben sich beide auf eine wenig ruhmhafte Weise mit Hitler abgefunden.

Bei „Auf sommerlichem Friedhof“ handelt es sich um ein paarreimiges, in zwei Strophen zu vier Versen und einer Dritten zu sechs Versen aufgebautes Gedicht, dessen vierhebiges Versmass meist jambisch, aber in einzelnen Stellen auch trochäisch ist.

Das Gedicht ist eine Kombination aus Eindrücken vom Friedhof, wie der erwähnte Fliegenschnäpper, ein einheimischer Vogel und Reflexionen über die Situation des Entschlafenen. Offensichtlich ist es auch Lehmanns Anliegen, Kontakt mit seinem verstorbenen Gefährten aufzubauen, so schreibt er: „Der Rosenduft begräbt dein Grab./.../Der darin liegt, erschein, erschein.“ (Zeilen 2 und 4) Dieser Ansatz wird in der zweiten Strophe vertieft, wo sich Lehmann an gemeinsam verbrachte Zeiten erinnert. Die dritte Strophe hingegen schlägt ganz andere Töne an. Hier scheint Regimekritik versteckt zu sein, denn auch wenn keinerlei direkte Kritik am dritten Reich enthalten ist, wird allgemeine Kritik am damaligen Kriegstreiben ausgeübt: „Sirene heult, Geschützmaul bellt./ Sie morden sich: es ist die Welt.“ (Zeilen 9-10) In den letzten vier Versen wird Lehmann wieder abstrakter, beschreibt wieviel besser der Tod in so einer greulichen Welt sei. Die Textstelle „Ins Qualenlose flohest du,/ O Grab, halt deine Tür fest zu! (Zeilen 13-14) verdeutlicht das am Besten, zeigt auch eine gewisse Todessehnsucht Lehmanns, welcher sich mit der vom Krieg zerstörten Welt nicht mehr abfinden will.

Mir persönlich sagt dieses Gedicht zu, denn die Kritik an den herrschenden Verhältnissen ist geschickt verpackt in der durchaus sympathischen, wenn auch pessimistischen Idee vom Leben als endlose Qual. Die einzelnen Worte bewegen durch ihre Nüchternheit, was dem Leser klar macht wie ehrlich Lehmann seine Phrasen meint. Hier haben wir es mit einem Nachruf zu tun, der jeden Beerdigungsbesucher wahrlich erbeben lassen würde.
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