GOTTHOLD EPHRAIM LESSING (1729-1781): Die drey Reiche der Natur (1749)

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Gedichttext hinauf

GOTTHOLD EPHRAIM LESSING
Die drey Reiche der Natur

Drey Reiche sinds, die in der Welt
Uns die Natur vor Augen stellt.
Die Anzahl bleibt in allen Zeiten
Bey den Gelehrten ohne Streiten.
Doch wie man sie beschreiben muss,
Da irrt fast jeder Physikus.
Hört, ihr Gelehrten, hört Mich an,
Ob Ich sie recht beschreiben kann?

Die Thiere sind den Menschen gleich,
Und beyde sind das erste Reich.
Die Thiere leben, trinken, lieben;
Ein jegliches nach seinen Trieben.
Der Fürst, Stier, Adler, Floh und Hund
Empfindt die Lieb und netzt den Mund.
Was also trinkt und lieben kann,
Wird in das erste Reich gethan.

Die Pflanze macht das andre Reich
Dem ersten nicht an Güte gleich.
Sie liebet nicht, doch kann sie trinken,
Wenn Wolken treufelnd niedersinken.
So trinkt die Ceder und der Klee,
der Weinstock und die Aloe.
Drum was nicht liebt, doch trinken kann,
Wird in das andre Reich gethan.

Das Steinreich ist das dritte Reich,
Und diess macht Sand und Demant gleich.
Kein Stein fühlt Durst und zarte Triebe;
Er wächset ohne Trunk und Liebe.
Drum was nicht liebt, noch trinken kann,
Wird in das letze Reich gethan.
Denn ohne Lieb und ohne Wein,
Sprich, Mensch, was bleibst du noch? Ein Stein.

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Autor/in: Lessing, Gotthold Ephraim
Titel: Die drey Reiche der Natur
Thema: Natur(wissenschaft), Mensch
Gedichtform:  
Erscheinungsjahr: 1749
Zeilen: 33
Link: hier
Rezensent/in: Maria van den Brul
Schwierigkeit: mittelschwer

Interpretation hinauf

Erstmals wurden die drei Reiche der Natur 1747 in der Wochenschrift „Naturforscher“ von Christlob Mylius definiert. Das Gedicht „Die drey Reiche der Natur“ von Gotthold Ephraim Lessing, welches 1749 zum ersten Mal veröffentlicht wurde, gehört zu einer Gruppe von Gedichten, die in ähnlicher Weise das zu der Zeit aktuelle wissenschaftliche Thema aufgreifen.

Lessing definiert in seinem Gedicht die drei Reiche der Natur. Das erste Reich ist das Reich der Menschen und Tiere, die sich dadurch kennzeichnen, dass sie trinken und lieben können. Das Trinken ist eine wesentliche Bedingung des Lebens und die Liebe eine zentrale und wichtige Erscheinungsweise des Empfindens, was die Menschen und die Tiere auszeichnet. Das zweite Reich ist das Reich der Pflanzen, welche ebenfalls trinken, aber nicht lieben können. Es ist dem Reich der Menschen und Tiere untergeordnet. Das dritte Reich ist das Reich der Steine. Die Steine können weder trinken noch lieben.

Das Reich der Menschen und Tiere ist natürlich das oberste der drei Reiche. Interessanterweise sagt Lessing jedoch „Die Thiere sind den Menschen gleich“ (Vers 9), obwohl sich die Menschen üblicherweise den Tieren übergeordnet fühlen.

Das Gedicht ist in vier achtzeilige Strophen unterteilt, wobei die erste Strophe einleitet, was Lessing in den folgenden drei Strophen zu tun versucht, nämlich die drei Reiche der Natur zu definieren. Die zweite Strophe beschreibt das Reich der Menschen und Tiere, die dritte das Reich der Pflanzen und die vierte das Reich der Steine. Da das Gedicht aus vierhebigen Jamben besteht, scheint es eine gewisse Einfachheit und Schlichtheit zu haben. So könnte man vermuten, dass es sich bei Lessings Gedicht „Die drey Reiche der Natur“ um eine blosse naturwissenschaftliche Abhandlung handelt. Die letzten beiden Zeilen zeugen jedoch davon, dass dies nicht Lessings Absicht war: „Denn ohne Lieb und ohne Wein, Sprich, Mensch, was bleibst du noch? Ein Stein.“ Der Mensch ist also nur ein Mensch, und gehört somit auch nur zum ersten Reich, wenn er liebt und trinkt. Diese Aussage steht im Gegensatz zur Naturwissenschaft, denn dieser zufolge kann ein Mensch gar nicht zum dritten Reich gehören. Trotzdem wendet sich Lessing an die „Gelehrten“ (Vers 4) und fragt sich, ob er die drei Reiche wohl „recht beschreiben“ (Vers 8) kann. Dies lässt vermuten, dass er in gewisser Weise über die Wissenschaft scherzt, da er deren Logik nicht beachtet, oder er versucht, mit den letzten beiden Zeilen die trockene Wissenschaft vergnüglich aufzulockern, indem er von Liebe und Wein spricht.

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max. 2500 Zeichen inkl. Leerzeichen

Verfasser/in hinauf

Main.Vorname Name, Neue Kantonsschule Aarau (Abteilung), hat drei weitere Favoriten:

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