Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781): Lied aus dem Spanischen (1902)

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Gotthold Ephraim Lessing
Lied aus dem Spanischen

Gestern liebt ich
Heute leid ich,
Morgen sterb ich:
Dennoch denk ich
Heut und morgen
Gern an gestern.

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Autor/in: Lessing, Gotthold Ephraim
Titel: Lied aus dem Spanischen
Thema: Zeit, Leben, Vergänglichkeit
Erscheinungsjahr: 1771
Zeilen: 6
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Rezensent/in: Florian Baumgartner
Schwierigkeit: leicht

Interpretation hinauf

"Lied aus dem Spanischen" (1771). Das ist der Titel dieses sehr kurzen und prägnanten Gedichts von Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781). Es reiht sich in eine ganze Sammlung von Liedern ein, die Lessing im Laufe seines Lebens schrieb. Seine Gedichte bestechen durch ihren oft witzig-ironischen Stil. Es sind theoretische und kritische Schriften, die sicherlich nicht zuletzt in seinem Theologie-Studium fruchtigen Boden fanden. Lessing machte der Epoche der Aufklärung alle Ehren und versuchte einen Beitrag an das allgemeine Wissen über das Leben und die Welt zu leisten. Lessing wurde besonders für sein Dramaturgisches Schaffen berühmt. Umso mehr interessieren seine Gedichte.

Das Lied aus dem Spanischen umfasst nur sechs Zeilen und erinnert eher an einen Kindervers. Verstärkt wird diese Wirkung noch durch den heiteren, trochäischen 2-Heber und die weiblichen Kadenzen. Lessing hat sich die Technik der Assonanzen zu Nutzen gemacht (Z.1-2,4,6). Die ersten vier Verse reimen sich alle auf ?ich? am Ende. Es ist eine symmetrische Zweiteilung auszumachen, die durch den Doppelpunkt (Z.3) noch sichtbarer gemacht wird.

Das lyrische Ich sagt in Vers 4 genau, was es im ganzen Gedicht macht: "Dennoch denk ich", wie es die Aufklärung proklamierte. Es denkt über die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft nach. Das beschreibt er mit der einfachsten Satzstruktur: Zeitadverb - Verb - Subjekt. Lessing zieht das die ersten drei Verse lang durch. Vers fünf und sechs relativieren den anfänglichen Pessimismus und verstricken witzig die Zeitebenen miteinander. So ergibt sich für den Leser die paradoxe Situation, daß er sich in der Perspektive des lyrischen Ichs fühlt und selber denken muß, was er gerade gelesen hat. Der Leser sollte sich also generell Gedanken über seine eigenen drei Zeitebenen machen.

Lessing trifft mit dieser einer Lebensweisheit ähnelnden Aussage den Nagel auf den Kopf. Man denkt ständig, wie schön alles früher war und wie schlecht es einem momentan gerade geht und dass es ja auch schon bald fertig sein wird. Man kann dann noch so lange sagen, man sollte nach vorne schauen und nicht ans Vergangene denken, doch ist es im Menschen, daß man ab und zu gerne mal einen Blick zurück wirft. Das Gedicht ist Anlaß zum banalen Denken und Philosophieren und Lessing wollte sich mit diesem Gedicht vielleicht die Aufgabe stellen, möglichst einfach und kurz die Verstrickung der verschiedenen Zeitebenen mit dem Leben der Menschen darzustellen.

Verfasser/in hinauf

Florian Baumgartner , Neue Kantonsschule Aarau (G 4A), hat drei weitere Favoriten:

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