Kurt Marti (*1921): in dieser stunde des abschieds (1968)

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Gedichttext hinauf

Kurt Marti

in dieser stunde des abschieds
da rund 2854 menschen an hunger sterben
überall in der welt
da napalm vom himmel herabfällt
in vietnam
da kinder im arm ihrer mütter verenden
in biafra
da menschen gejagt wie flüchtiges wild
im südlichen sudan
da leute verhört und in ohnmacht getrampelt werden
im lager dionys bei athen
da flieger eine siedlung mit bomben belegen
in portugiesisch-angola
da ein häftling in seiner zelle erwürgt wird
in haiti
in dieser stunde des abschieds
lasset uns glücklich preisen
jeden
dem in frieden zu sterben vergönnt

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Vorgelesen:
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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Marti, Kurt
Titel: in dieser stunde des abschieds
Thema: Tod
Erscheinungsjahr: 1969
Zeilen: 19
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Rezensent/in: Franziska Anyiam
Schwierigkeit: einfach

Interpretation hinauf

Kurt Marti wurde 1921 in Basel geboren und studierte dort Jura und Theo-logie. Sein Schaffen als Schriftsteller wurde von seinem Beruf – er arbeitete als evangelischer Pfarrer und in der Nachkriegszeit auch als Gefangenen-seelsorger – stark beeinflusst, und man kann in den meisten seiner Werke einen christlichen Grundgedanken finden. Kurt Marti übt mit seiner Litera-tur Zeitkritik und lässt sein politisch-soziales Engagement und christliche Predigten einfliessen.

Diese Leichenrede, die wie viele von Martis Gedichten keinen Titel hat, wur-de 1968 geschrieben und gehört somit zur Epoche der Gegenwartsliteratur. Sie handelt vom Tod, davon, dass die ganze Zeit und überall Menschen durch andere Menschen leiden und sterben.

Das Gedicht hat nur eine Strophe, die aber inhaltlich aus zwei Teilen be-steht; der erste Teil bezieht sich auf die ganze Welt und auf die Menschheit, während sich der zweite Teil auf eine kleinere Gemeinschaft, welche den Le-ser mit einschliesst, bezieht. Das Gedicht hat kein Metrum und keinen Reim. Kurt Marti benutzt als wichtigstes Stilmittel die Wiederholung. Im ersten Teil kommt das Wort „da“ immer wieder vor, wodurch jedem Vers neuer Antrieb gegeben wird und sich das Tempo des Gedichts steigert. Auffallend ist auch, dass alle Wörter klein geschrieben sind und dass im ganzen Gedicht keine Satzzeichen vorkommen. Die fehlenden Satzzeichen bewirken, dass die einzelnen Verse nicht als Aufzäh-lung, sondern als ein zusammenhängendes Ganzes wahrgenommen werden. Pausen entstehen durch die spezielle Anordnung der Verse; zudem werden durch diese Anordnung die Orte, welche Kurt Marti erwähnt, hervorgehoben, und dem Leser wird klar, dass Leid wirklich überall auf der Welt anzutreffen ist.

Der erste Teil des Gedichts macht den Leser auf grosse Konflikte in der Welt aufmerksam, so dass im Vergleich der friedliche Tod eines Einzelnen, wie er im zweiten Teil thematisiert wird, plötzlich nicht mehr so schlimm erscheint. Dadurch, dass Kurt Marti die Optik verändert, ändert sich auch das Gefühl des Lesers.

Mit diesem Gedicht will Kurt Marti auf das Leiden in der Welt aufmerksam machen. Allzu oft beklagen wir uns darüber, was in unserem Leben alles nicht gut ist, und vergessen dabei, dass es anderen Menschen viel schlechter geht als uns. Obwohl einige der Konflikte, die in diesem Gedicht angesprochen werden, heute nicht mehr aktuell sind, hat das Gedicht keinesfalls an Aktualität ver-loren, denn solche Konflikte gibt es immer; es sind nur die Schauplätze, die wechseln.

Verfasser/in hinauf

Franziska Anyiam , Neue Kantonsschule Aarau (2004B), hat drei weitere Favoriten:

Quellen & Links hinauf

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-- FranziskaAnyiam - 30 May 2007