MEYER CONRAD FERDINAND (1825-1898): Möwenflug (1886)

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Gedichttext hinauf

Conrad Ferdinand Meyer
Möwenflug

Möwen sah um einen Felsen kreisen
Ich in unermüdlich gleichen Gleisen,
Auf gespannter Schwinge schweben bleibend,
Eine schimmernd weiße Bahn beschreibend,
Und zugleich im grünen Meeresspiegel
Sah ich um dieselben Felsenspitzen
Eine helle Jagd gestreckter Flügel
Unermüdlich durch die Tiefe blitzen.
Und der Spiegel hatte solche Klarheit,
Daß sich anders nicht die Flügel hoben
Tief im Meer, als hoch in Lüften oben,
Daß sich völlig glichen Trug und Wahrheit.

Allgemach beschlich es mich wie Grauen,
Schein und Wesen so verwandt zu schauen,
Und ich fragte mich, am Strand verharrend,
Ins gespenstische Geflatter starrend:
Und du selber? Bist du echt beflügelt?
Oder nur gemalt und abgespiegelt?
Gaukelst du im Kreis mit Fabeldingen?
Oder hast du Blut in deinen Schwingen?

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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Meyer, Conrad Ferdinand
Titel: Möwenflug
Thema: Wirklichkeit
Gedichtform:  
Erscheinungsjahr: 1881
Zeilen: 20
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Rezensent/in: Isabelle Stierli
Schwierigkeit: mittelschwer

Interpretation hinauf

Conrad Ferdinand Meyers Gedicht „Möwenflug“ lässt sich dem Realismus zuordnen. Die Erstveröffentlichung erschien 1881. Es beschreibt eine Szene, die das lyrische Ich beobachtet. Ein Schwarm Möwen fliegt über dem Meer. Dadurch wird das lyrische Ich zum Denken angeregt.

Das Gedicht hat zwei Strophen, von denen die erste zwölf Verse beinhaltet und die zweite acht. Das Reimschema zu bestimmen ist schon schwieriger. Bei den ersten vier Versen handelt es sich um Paarreim. Die Verse 4-8 haben einen Kreuzreim und die letzten vier Verse der ersten Strophe lassen einen umarmenden Reim erkennen. Die zweite Strophe hingegen ist einheitlich. Hier findet man nur Paarreime. Das Gedicht ist in fünffüssigen Trochäen geschrieben.

In der ersten Strophe des Gedichtes wird eine Momentaufnahme aus der Natur dargestellt. Es gibt ein lyrisches Ich, das einen Schwarm Möwen beobachtet. Sie fliegen über dem Meer. Die Wasseroberfläche ist so klar, dass sie wie ein Spiegel wirkt (V.9) und die Vögel so doppelt zu sehen sind. Einmal echt und einmal als Trugbild auf dem Wasser (V.12). Diese Erscheinung bringt das lyrische Ich zum nachdenken. Es beginnt sich zu fragen, ob es selber wohl echt ist oder auch nur ein Scheinbild (V.17/18).

Das Thema des Gedichtes ist schwer zu bestimmen. Vordergründlich ist es die Natur mit ihren Wundern. Es kommt aber auch noch ein Nachdenken darüber, was die Natur zeigt, mit ins Spiel. Es wird die Frage aufgeworfen, was wahr ist und was Trugbild. Die Suche nach der Wirklichkeit tritt in den Vordergrund.

Conrad Ferdinand Meyer lebte von 1825 bis 1898 und war Schweizer. Er wuchs zweisprachig auf, musste sich jedoch vor dem Hintergrund des deutsch-französischen Krieges für eine Sprache entscheiden. Sein ganzes Leben hindurch litt er immer wieder an Depressionen und verbrachte zweimal Zeit in Nervenheilanstalten.

Verfasser/in hinauf

Main.Isabelle Stierli, Neue Kantonsschule Aarau (4a), hat einen weiteren Favoriten:

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