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EDUARD MÖRIKE (1804-1875): Er ist's (1829)

Gedicht | Kurzinformation | Interpretation | Verfasser/in | Quellen | LEXIKON

Gedichttext hinauf

EDUARD MÖRIKE
Er ist’s

Frühling lässt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte;
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen.
– Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist’s!
Dich hab ich vernommen!

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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Mörike, Eduard
Titel: Er ist's
Thema: Natur
Gedichtform: Lied
Erscheinungsjahr: 1829
Zeilen: 9
Link: hier
Rezensent/in: BeatKnaus
Schwierigkeit: einfach

Interpretation hinauf

Es handelt sich um das berühmteste Gedicht Eduard Mörikes (1804-1875) und, gemessen an der Zahl der Vertonungen, wohl das berühmteste Frühlings-Lied deutscher Zunge. Entstanden ist es 1829 in der *Biedermeier*-Zeit, einer Epoche, in der der Rückzug ins Private eine Alternative zum heftigen Kampf um politische Gleichheit bot.
Das Gedicht behandelt die spannungs- und ahnungsvolle Erwartung des Frühlings. Alle Vorkommnisse in der Natur deutet das lyrische Ich als Zeichen für die kommende Jahreszeit. Immer mehr verdichtet sich seine Erwartung des Neuanfangs in einzelnen Metaphern (blaues Band, süße Düfte, Harfenton) – bis endlich Gewissheit eintritt und der Sprecher den personifizierten Frühling erlöst anrufen kann: „Frühling ja, du bist’s!“
Die Schlichtheit von Sprache und Form ist streng kalkuliert. Das Lied zeigt keine sichtbare äußere Gliederung, Reim und Metrum lassen jedoch eine strophische Zweiteilung erkennen: Beide Strophen bestehen aus Trochäen: vierfüßig in der ersten Strophe, dreihebig in der zweiten – mit Ausnahme des fünfhebigen siebten Verses. Dessen Überlänge signalisiert optisch bzw. akustisch, wie das lyrische Ich seine Betrachtungen unterbricht, wie es lange innehält und lauscht … – Der Reim (abba cdcxd) wechselt ebenso wie das Metrum. Die erste Strophe hat einen umarmenden Reim, die zweite einen Kreuzreim, der aber in der vorletzten Zeile von einer Waisen unterbrochen wird. Der Vers „Frühling ja, du bist’s!“ durchbricht das Reimschema und die Reimerwartung der Lesenden so überraschend, dass diese den Gefühlsausbruch des lyrischen Ichs sinnlich nachvollziehen können. Die Wirkung dieses Verses wird auch dadurch gesteigert, dass er in einer entfernten Reimbeziehung zum Titel steht: „Er ist’s“ - „Du bist’s!“
Die einfache, fast simple Aussage des Gedichts lässt wenig Raum für Deutungen. Thematisiert wird eine menschliche Sehnsucht nach dem jahreszeitlichen Neubeginn, die unabhängig von Zeit und Raum existiert. Sie im Kontext der Biedermeier-Zeit auch auf einen politischen Frühling zu beziehen, der herbeigesehnt wird, ist sicher gewagt. Mörikes Kunst besteht vielmehr darin, konkrete Naturerfahrung mit künstlichen Mitteln so aufzubereiten, dass sie scheinbar sinnlich nachvollziehbar wird: am virtuosesten sicher im Verspaar „Süße, wohlbekannte Düfte / Streifen ahnungsvoll das Land“, wo mindestens drei Sinnesebenen – Geruchs-, Geschmacks- und Tastsinn, dazu, wenn man will, der ‚siebte Sinn’ – synästhetisch miteinander verwoben werden.

Verfasser/in hinauf

BeatKnaus, Neue Kantonsschule Aarau (Deutschlehrer) hat drei weitere Favoriten:

Quellen & Links hinauf

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