CHRISTIAN MORGENSTERN (1871-1914): Der Werwolf (Entstehungsjahr)

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Gedichttext hinauf

Christian Morgenstern
Der Werwolf

Ein Werwolf eines Nachts entwich
von Weib und Kind und sich begab
an eines Dorfschullehrers Grab
und bat ihn: "Bitte, beuge mich!"

Der Dorfschulmeister stieg hinauf
auf seines Blechschilds Messingknauf
und sprach zum Wolf, der seine Pfoten
geduldig kreuzte vor dem Toten:

"Der Werwolf" - sprach der gute Mann,
"des Weswolfs, Genitiv sodann,
dem Wemwolf, Dativ, wie man's nennt,
den Wenwolf, - damit hat's ein End'."

Dem Werwolf schmeichelten die Fälle,
er rollte seine Augenbälle.
"Indessen", bat er, "füge doch
zur Einzahl auch die Mehrzahl noch!"

Der Dorfschulmeister aber musste
gestehn, dass er von ihr nichts wusste.
Zwar Wölfe gäb's in großer Schar,
doch "Wer" gäb's nur im Singular.

Der Wolf erhob sich tränenblind -
er hatte ja doch Weib und Kind!!
Doch da er kein Gelehrter eben,
so schied er dankend und ergeben.

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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Morgenstern, Christian
Titel: Der Werwolf
Thema: Humor
Gedichtform: Ballade
Erscheinungsjahr: 1907-1908
Zeilen: 24
Link: hier
Rezensent/in: RebeccaBillig
Schwierigkeit: einfach

Interpretation hinauf

„Der Werwolf“ gehört zu Morgensterns (1871-1914) sogenannten Galgenliedern, die 1905 von Bruno Cassirer verlegt worden sind. Die Galgenlieder sind „formal und inhaltlich kindlich anmutende Gedichte“ (Wikipedia), die viele Leser und Leserinnen aufgrund ihres augenzwinkernden Humors sehr begeistern.
In „der Werwolf“ geht es um einen Werwolf, der vom toten Dorfschullehrer „gebeugt“ werden will. Der Lehrer dekliniert infolge dessen das „wer“ vor „Wolf“. Die Deklination endet für den Werwolf tragisch, da es von „wer“ kein Plural gibt.

Die leichtfüssige Ballade ist in vierfüssigen Jamben geschrieben und grösstenteils in Paarreimen angelegt.

Den Werwolf kann man als Metapher für einen Menschen betrachten, der sich von der Gesellschaft unterscheidet. Er möchte, dass der Dorfschullehrer ihn verändert (also „beugt“). Der Lehrer kann aber nur den Namen des Werwolfs „beugen“. Da dies anders klingt, gefällt es dem Werwolf.
Er möchte nun, dass der Lehrer auch seine Familie verändert, doch der Lehrer weiss nichts von einer Mehrzahl. Für den Werwolf ist das schrecklich, da es ist, als würde seine Familie nicht existieren. Er kann sie nicht in sein neues, „gebeugtes“ Leben mitnehmen. Der Lehrer kann nur einen einzelnen Werwolf beugen, nicht aber mehrere.

Verfasser/in hinauf

RebeccaBillig, Neue Kantonsschule Aarau (3D), hat drei weitere Favoriten:

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