CHRISTIAN MORGENSTERN (1871-1914): Die Unmoegliche Tatsache (1909)

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Gedichttext hinauf

MORGENSTERN CHRISTIAN

Die Unmoegliche Tatsache

Palmström, etwas schon an Jahren,
wird an einer Straßenbeuge
und von einem Kraftfahrzeuge
überfahren.

»Wie war« (spricht er, sich erhebend
und entschlossen weiterlebend)
»möglich, wie dies Unglück, ja -:
daß es überhaupt geschah?

Ist die Staatskunst anzuklagen
in bezug auf Kraftfahrwagen?
Gab die Polizeivorschrift
hier dem Fahrer freie Trift?

Oder war vielmehr verboten,
hier Lebendige zu Toten
umzuwandeln, - kurz und schlicht:
Durfte hier der Kutscher nicht -?«

Eingehüllt in feuchte Tücher,
prüft er die Gesetzesbücher
und ist alsobald im klaren:
Wagen durften dort nicht fahren!

Und er kommt zu dem Ergebnis:
»Nur ein Traum war das Erlebnis.
Weil«, so schließt er messerscharf,
»nicht sein kann, was nicht sein darf.«

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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Morgenstern, Christian
Titel: Die Unmoegliche Tatsache
Thema:  
Gedichtform: Ballade
Erscheinungsjahr: 1947
Zeilen: 25
Link: hier
Rezensent/in: NoeStoll
Schwierigkeit: mittelschwer

Interpretation hinauf

„Die unmögliche Tatsache“ entstammt aus einer Gedichtsammlung von Christian Morgenstern (1871-1914), an der er seit 1895 gearbeitet hatte. Erschienen sind die so genannten Galgenlieder im Jahre 1905. Alle darin enthaltenen Gedichte, viele davon heutzutage sehr berühmt, sind auf eine ganz spezielle Art und Weise geschrieben, sie scheinen nämlich sowohl von der Form, als auch vom Inhalt oft grotesk und kindisch.
Im Gedicht wird Palmström, ein älterer Herr, auf der Strasse von einem Auto angefahren, bleibt aber unverletzt. Er fragt sich, wie dies überhaupt geschehen konnte. Nach langem Überprüfen der Gesetze findet er heraus, dass Fahrzeugen gar nicht gestattet war, dort zu fahren, und kommt zum Schluss, dass es sich bei dem Ereignis nur um einen Traum handeln könne, da etwas, das nicht sein darf, nicht sein könne.
Morgenstern beschränkte sich bei der Form des Gedichtes sehr auf die Einfachheit und die simple Struktur. Die sechs Strophen bestehen allesamt aus vier Versen, welche wiederum die Gemeinsamkeit haben, vierhebige Trochäen zu beinhalten.
Eine Ausnahme gibt es aber, nämlich in der ersten Strophe im vierten Vers, bestehend aus „überfahren“: hier handelt es sich um einen zweihebigen Trochäus. Dieser sehr kurze Vers wird dadurch klanglich hervorgehoben, da das regelmässige Metrum unterbrochen wird. Der Leser empfindet dies als abrupt, genau wie das Ereignis(der Unfall) selbst. Auch das Reimschema differenziert sich in der ersten Strophe, wo es umarmend ist, von den restlichen fünf Strophen, die alle Paarreime darstellen.
Rhetorische Figuren kommen in diesem Gedicht fast keine vor, die Sätze sind sowohl einfach geschrieben, als auch einfach verständlich.
Dies lässt eigentlich darauf schliessen, dass „die unmögliche Tatsache“ vielleicht gar keinen tieferen Hintergrund aufweist, sprich nur wenig Raum für Interpretationen zulässt, oder dass das Gedicht nur zur Unterhaltung geschrieben wurde, denn lustig ist es ja allemal. Ich denke jedoch, dass Morgenstern damit doch auch etwas zum Ausdruck bringen wollte. Der Name Palmström kommt nämlich auch in einigen anderen seiner Gedichte vor. Ich glaube, dass er eine Gruppe von Menschen vertritt, über die sich Morgenstern lustig macht, an denen er Kritik anbringt. Dies könnten die Behörden oder gar der Staat selbst sein. Eine andere Möglichkeit wäre, dass Morgenstern durch Palmström nach einer Erklärung der Gerechtigkeit und der Gesetze sucht. Er stellt in Frage, ob man das, was man tun kann, sprich also was einem der Staat erlaubt, auch tun darf.

Verfasser/in hinauf

Main.Noe Stoll, Neue Kantonsschule Aarau (3B), hat drei weitere Favoriten:

Quellen & Links hinauf

  • Quelle 1: Wikipedia
  • Quelle 2: Neuenburger Anthologie
  • Quelle 3: SpiegelOnline

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