WILHELM MÜLLER (1794-1827): Der Lindenbaum (1822)

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Gedichttext hinauf

WILHELM MÜLLER
Der Lindenbaum

Am Brunnen vor dem Tore
Da steht ein Lindenbaum:
Ich träumt' in seinem Schatten
So manchen süßen Traum.

Ich schnitt in seine Rinde
So manches liebe Wort;
Es zog in Freud' und Leide
Zu ihm mich immer fort.

Ich mußt' auch heute wandern
Vorbei in tiefer Nacht,
Da hab' ich noch im Dunkel
Die Augen zugemacht.

Und seine Zweige rauschten,
Als riefen sie mir zu:
Komm her zu mir, Geselle,
Hier findst du deine Ruh'!

Die kalten Winde bliesen
Mir grad' ins Angesicht;
Der Hut flog mir vom Kopfe,
Ich wendete mich nicht.

Nun bin ich manche Stunde
Entfernt von jenem Ort,
Und immer hör' ich´s rauschen:
Du fändest Ruhe dort!

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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Müller, Wilhelm
Titel: Der Lindenbaum
Thema: Sehnsucht
Gedichtform: Lied
Erscheinungsjahr: 1822
Zeilen: 24
Link: hier
Rezensent/in: MyriamPelet
Schwierigkeit: einfach

Interpretation hinauf

Wilhelm Müller (1794-1827) schrieb sein Gedicht „Der Lindenbaum“ (1822) in der Epoche der Romantik, wo Begriffe wie Natur, Nostalgie und Sehnsucht nach einer Gegenwelt von grosser Bedeutung waren.
Im 19.Jahrhundert wurde das Gedicht häufig vertont und zählt bis heute zu den populärsten deutschen Volksliedern.
Im Gedicht geht es um einen Gesellen, in dem schwermütige Erinnerungen an sein vergangenes Liebesglück durch den Lindenbaum ausgelöst werden. Der Lindenbaum war für den Gesellen seit seiner Kindheit von grosser Bedeutung, da er mit ihm all seine Freuden und Leiden teilte. Angetrieben von der Sehnsucht nach einem Ort, wo er wieder glücklich sein kann, verlässt er seine Heimat und geht an seinem Lindenbaum vorbei, ohne sich auch nur einmal umzudrehen oder die Rufe des Lindenbaums zu würdigen.
Die Geschichte, die dem Gedicht zugrunde liegt, lässt auf eine Ballade schliessen, wobei das lyrische Ich, verkörpert durch den Gesellen, die Position des Geschichtenerzählers einnimmt.
In der ersten und zweiten Strophe macht das lyrische Ich Gebrauch von Anaphern, um den Lesern seine Vergangenheit und die Freundschaft zum Lindenbaum zu schildern. Weiter benutzt Wilhelm Müller im Gedicht Inversionen um eine fliessende Wirkung zu erreichen und lässt den Lindenbaum sprechen (Personifikation).
Es reimen sich immer die zweite und die vierte Zeile der Strophe, die erste und dritte Zeile reimen sich nicht. Beim Metrum handelt es sich um einen 3-füssigen Jambus. Damit eine alternierende Kadenz entsteht, hat Wilhelm Müller weibliche Kadenzen erfunden (Tore, Leide, Geselle).
Im Gedicht kommt die Sehnsucht nach einem Leben erfüllt mit Glück und ohne Leid stark zum Ausdruck. Im dritten Reich versprach Hitler dem deutschen Volk Verbesserung der wirtschaftlichen Situation. Das Volk war leicht zu überzeugen, da es, wie im Gedicht der Geselle, ein glückliches Leben ohne Leid erhoffte. Doch mit der Zeit musste das Volk einsehen, dass nicht alles Gold ist was glänzt. Das Volk war wieder gefangen und sehnte sich nach einem glücklichen Leben ohne die Herrschaft Hitlers. Diese rezeptionsästhetische Deutung zeigt, dass die Thematik des Gedichtes nicht nur während der Romantik aktuell war.

Verfasser/in hinauf

MyriamPelet, Neue Kantonsschule Aarau (3D) hat drei weitere Favoriten:

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