Novalis (1772-1801): Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren (1800)

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Gedichttext hinauf

Novalis
Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen,
Wenn die, so singen oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt ins freie Leben,
Und in die Welt wird zrück begeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu echter Klarheit werden gatten,
Und man in Märchen und Gedichten
Erkennt die ew'gen Weltgeschichten,
Dann fliegt vor einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.



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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Novalis (Friedrich Freiherr von Hardenberg)
Titel: Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Thema: Harmonie
Erscheinungsjahr: 1800
Zeilen: 12
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Rezensent/in: SophiaPantasis
Schwierigkeit: anspruchsvoll

Interpretation hinauf

Das Gedicht „Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren“ von Novalis (1772-1801), geschrieben 1800, kann der Romantik zugeordnet werden. Es gilt nicht mehr die Welt zu erkennen, um vernünftig in ihr zu handeln, sondern sie möglichst intensiv zu erleben indem die Welt poetisiert wird. Die Sehnsucht des Dichters richtet sich auf eine idyllisch verklärte, ursprüngliche Natur und auf das idyllisch verklärte Leben des einfachen Volkes.

Das Gedicht will zeigen, dass das leistungsorientierte Verhalten des Menschen nicht der Schlüssel zur Harmonie sein kann. Erst wenn Menschen nicht mehr nach Können und Wissen beurteilt werden, wenn das Wesentliche durch das natürliche Lebensgefühl besser aufgefasst wird als durch jede theoretische Wissenschaft, wenn man alle Ansichten und Gewohnheiten nach aussen öffnen kann um zum eigentlichen Wesen zu finden, wenn sich dann Gegensätze zu einem harmonischen Ganzen vereint haben um dadurch erst das Wesentliche zu erkennen, und man in Märchen und Gedichten die eigentliche Wahrheit erkennt, erst dann wird sich die ganze verkehrte Welt zu einem harmonischen Ganzen fügen. Die Kernaussage des Gedichtes ist, dass die Poetisierung des Lebens die Wiederherstellung der Ur-Harmonie allen Seins bewirkt.

Das ganze Gedicht besteht aus unzähligen Metaphern. Obwohl die Wortwahl einfach ist, steht hinter jedem Wort eine tiefgründige Bedeutung. Man hat beinahe das Gefühl es handle sich um ein Rätsel.

Das Gedicht besteht aus vierfüssigen Jamben, welche an inhaltlich wichtigen Stellen durch ein Anapäst durchbrochen werden (Zeile 6). In den Zeilen 1 – 10 ist die Kadenz immer weiblich (offen, schwebend, ungewiss). Wobei in den Zeilen 11 und 12 die Kadenz männlich ist (fest, bestimmt, Antwort). An den Zeilenenden wo kein Komma steht, sind Enjambements zu finden (Z. 1,2/ 7,8/ 9,10/ 11,12). Die sechs Reimpaare stehen als gedankliche Einheit da.

Die mit Metaphern geprägte Wortwahl lässt viele Deutungen offen und regt sehr zum Nachdenken an. Thematisiert wird die Verschmelzung der Gegensätze (z.B. küssen – wissen). Das Gedicht wirkt sehr modern, da es auch in unsere Zeit gut hinein passt.

Verfasser/in hinauf

Sophia Pantasis, Neue Kantonsschule Aarau (3D), hat drei weitere Favoriten:

Quellen & Links hinauf
Link 1: Wikipedia
Link 2: Infos zur Person
Link 3: Infos zu weiteren Werken
Quelle: TTS (Cornelsen) zum Thema Romantik S. 243-254


Visualisierung hinauf
rothko-no-2-1962.jpg Mark Rothko




-- SophiaPantasis - 24 Feb 2007