-- LeeMuritu - 30 Oct 2006

Rainer Maria Rilke (1875-1926): Der Panther (1903)

Gedicht | Kurzinformation | Interpretation | Verfasser/in | Quellen | LEXIKON

Gedichttext hinauf

RAINER MARIA RILKE
Der Panther

Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein grosser Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.

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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Rilke, Rainer Maria
Titel: Der Panther
Thema: Gefangenschaft
Gedichtform:  
Erscheinungsjahr: 1903
Zeilen: 12
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Rezensent/in: LeeMuritu
Schwierigkeit: mittelschwer

Interpretation hinauf

Es handelt sich hier um ein Gedicht von Rainer Maria Rilke (1875 – 1926), der als wichtigster deutschsprachiger Dichter des 20. Jahrhunderts und Hauptvertreter des Symbolismus gilt. "Der Panther" gehört zu seinen so genannten "Dinggedichten", welche durch penible Beobachtung des Äusseren versuchen dem Inneren des Objekts Ausdruck zu verleihen.

Das Gedicht beschreibt die Gefangenschaft eines Panthers im Pariser Jardin des Plantes, der in majestätischer Manier einer Raubkatze geschmeidig im Kreise wandert. Die letzte Strophe setzt sich dann vertiefter mit dem traurigen Dasein, welches der Panther eingesperrt fristet, auseinander und betont die Leere im Herzen des Tiers.

Sprache und Form sind einfach und wohl geordnet. Das Gedicht ist in drei Strophen von je 4 Zeilen unterteilt, welche allesamt einen reinen Kreuzreim bilden. Metrum ist ein fünfhebiger Jambus bis auf Ausnahme des letzten Verses. Der dort leicht verkürzte vierfüssige Jambus hat einen direkten Bezug zum Inhalt. Wie das aufgenommene Bild im Herzen des Panthers aufhört zu sein, so hört auch das Gedicht noch "unvollendet" auf. Der Zeilenstil wird in Zeile 9 unterbrochen durch ein Enjambement, mit dem Effekt eines Spannungsaufbaus der sich über das Zeilenende hinweg zieht, von den nächsten Präpositionen verstärkt wird und in der letzten Zeile seinen Höhepunkt findet. Die dreifache Wiederholung des Wortes "Stäbe" und die Hyperbel ("tausend" Stäbe) in der ersten Strophe betonen zusätzlich seine hoffnungslose Gefangenschaft.

Rilke errang mit diesem Gedicht zu Recht grosse Aufmerksamkeit und Erfolg noch bis zum heutigen Tage (siehe: http://www.rilke-projekt.de/). Die objektive und exakte Tierbeschreibung in wunderschöner Anwendung der deutschen Sprache war dabei wohl gleichbedeutend, wie die empathische Wiedergabe des Gefühlslebens dieser majestätischen Raubkatze. Der Dichter stellt hier die anmutende, im Gehege stolzierende Fassade dieses eingesperrten Tiers, der im Inneren gefangenen, wilden Seele gegenüber, die durch keinerlei Reize von Aussen mehr erreicht werden kann. Somit übt Rilke auf seine eigene Art und Weise Kritik an der unartgerechten Haltung von wilden Tieren in Gefangenschaft und auch allgemein an Situationen, in denen der eigene Wille betäubt durch äussere Enflüsse an seiner Entfaltung gehindert wird.

Verfasser/in hinauf

Lee Muritu, Neue Kantonsschule Aarau (4C), hat drei weitere Favoriten:

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