Rainer Maria Rilke (1875-1925): Natur ist glücklich (1919)

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Gedichttext hinauf

Rainer Maria Rilke
Natur ist glücklich

Natur ist glücklich. Doch in uns begegnen
sich zuviel Kräfte, die sich wirr bestreiten:
wer hat ein Frühjahr innen zu bereiten?
Wer weiß zu scheinen? Wer vermag zu regnen?

Wem geht ein Wind durchs Herz, unwidersprechlich?
Wer faßt in sich der Vogelflüge Raum?
Wer ist zugleich so biegsam und gebrechlich
wie jeder Zweig an einem jeden Baum?

Wer stürzt wie Wasser über seine Neigung
ins unbekannte Glück so rein, so reg?
Und wer nimmt still und ohne Stolz die Steigung
und hält sich oben wie ein Wiesenweg?

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Autor/in: Rilke, Rainer Maria
Titel: Natur ist glücklich
Thema: Natur
Gedichtform: Ballade
Erscheinungsjahr: 1919
Zeilen: 12
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Rezensent/in: Nicole Notter
Schwierigkeit: mittelschwer

Interpretation hinauf

Natur ist glücklich

"Natur ist glücklich" ist ein eher weniger bekanntes Gedicht von dem berühmten Dichter Rainer Maria Rilke (1875- 1926), welches er im Jahre 1919 verfasste. Somit entstand es gegen Ende des Expressionismus, gleich nach Beendigung des Ersten Weltkrieges, als sich Deutschlands Wirtschaft und Gesellschaft in einem sehr kritischen Zustand befanden.

Das Gedicht bezieht sich auf den Kontrast zwischen Menschheit und Natur, wobei das lyrische Ich in der kollektiven Sprecherrolle bewundernd darauf aufmerksam macht, dass es der Menschheit unmöglich ist, eine solche Vollkommenheit und Glücklichkeit, wie die Natur sie wiedergibt, zu erlangen. Die Unausgeglichenheit und Unbeständigkeit der Menschen wird thematisiert und infolgedessen die Natur als Vorbild für die Menschheit gesetzt.

Dem Gedicht ist konkret keine Gedichtform zuzuordnen, obwohl doch einige Merkmale einer Ballade erkennbar sind. So ist das Gedicht zum Beispiel in drei Strophen gegliedert, welche alle drei regelmässig mit 5-hebigen Jamben gekennzeichnet sind. In der ersten Strophe ist der umarmende Reim auffällig, mit weiblichen Kadenzen, wobei der umarmende Reim an dieser Stelle die dargelegten Verwirrungen im Innern des Menschen unterstreichen könnte. Die zweite und dritte Strophe bestehen aus einem Kreuzreim mit alternierenden Kadenzen, beginnend auf einer weiblichen Kadenz. Zeilenstil dominiert grösstenteils und wird nur in Zeile 1/ 2 und in Zeile 9/ 10 durch Enjambements unterbrochen. Das erste Enjambement könnte zusätzlich die schon durch den Kreuzreim bekräftigen Verwirrungen der Abläufe im Innern des Menschen betonen. Das zweite Enjambement verleiht der beschriebenen Übertragung des Glücks in der Natur auf das der Menschheit mehr Gewichtigkeit.

Das Gedicht spricht eigentlich für sich selber, wobei zu erwähnen ist, dass es nach Ende des ersten Weltkrieges geschrieben wurde. Zu dieser Zeit waren viele Menschen unglücklich und hoffnungslos, ein Gefühl, dem durch die vielen rhetorischen Fragen Nachdruck verliehen wird. Es wird darauf hingedeutet, dass es für die Menschheit praktisch ein Ding der Unmöglichkeit ist, der Natur gleich zu sein. Das lyrische Ich spiegelt die Zweifel am Leben, die Suche nach dem Sinn des Lebens und das Streben nach Glücklichkeit wieder. Es fordert indirekt auf, die Vollkommenheit und Glücklichkeit der Natur anzustreben, um vielleicht wieder neuen Lebensmut zu schöpfen, gerade in schwierigen Situationen, wie es der erste Weltkrieg sicherlich war.

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Nicole Notter, Neue Kantonsschule Aarau (3B), hat drei weitere Favoriten:

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