Rainer Maria Rilke (1875-1926): Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort (1899)

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Gedichttext hinauf

Rainer Maria Rilke
Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn, und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Rilke, Rainer Maria
Titel: Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort
Thema: Furcht, Worte, Warnung
Gedichtform: Lied
Erscheinungsjahr: 1899
Zeilen: 12
Link: hier
Rezensent/in: Andrea Adamer
Schwierigkeit: mittelschwer

Interpretation hinauf

Das Gedicht „Ich fürchte mich vor der Menschen Wort“ wurde vom österreichischen Dichter Rainer Maria Rilke (1875-1926) im Jahre 1899 verfasst. Dies war während Zeit, als Dichter mit ihren Werken ihre Gedanken und ihr inneres Seelenleben ihrer Umgebung mitteilen wollten. Rilke war einer dieser Dichter.

In diesem Gedicht drückt das lyrische Ich seine Furcht vor den Worten aus. Es warnt davor, dass alle Dinge durch Worte ihre Reinheit und Schönheit verlieren und man sich mit Worten vor ihnen fern halten soll. Das Gedicht besteht aus drei Strophen mit je vier Zeilen. Das Reimschema in den ersten beiden Strophen ist der umarmende Reim „abba“. Dieser wechselt in der dritten Strophe zum Paarreim „aabb“. Dies verstärkt die Aufmerksamkeit auf die dritte Strophe, in der das lyrische Ich seine Warnung an den Leser ausspricht. Die einzelnen Zeilen haben eine unterschiedliche Anzahl Hebungen, die auch nicht in einer regelmässigen Folge in den 3 Strophen auftreten. Das Versmass in diesem Gedicht ist nicht genau ersichtlich und zeigt keine Regelmässigkeit auf, die man in allen Strophen erkennen kann. Jedoch enden alle Zeilen mit einer männlichen Kadenz. Auch werden im Gedicht häufig wichtige Wörter wie „kein“, „alle“ oder „Dinge“ betont und somit die Aufmerksamkeit auf sie gelenkt.

Dem Leser dieses Gedichts wird bewusst, dass sich das lyrische Ich vor der Macht, die Worte besitzen, fürchtet. Dies wird durch den Titel und auch durch seine Wiederholung in der ersten Zeile verdeutlicht. Das lyrische Ich beschreibt in den ersten zwei Strophen, was Worte alles bewirken können. In der dritten Strophe warnt es seine Umgebung vor der Macht der Worte („Bleibt fern.“) und dass Worte eine zerstörerische Wirkung für alle Dinge haben können („Ihr bringt mir alle die Dinge um.“). Wer genau als Mörder der Dinge bezeichnet wird, ist nicht ersichtlich, da von allen die Rede ist. Die wichtigen Themen dieses Gedichts sind die Warnung an die Umgebung vor der Macht der Worte, die von der Furcht des lyrischen Ichs hervorgeht. Durch keine genauen Angaben, wen es mit seiner Warnung ansprechen will, bleibt viel Platz für weitreichende Interpretationen. Das Gedicht zu verstehen ist so relativ simpel, doch erschwert die Unregelmässigkeit der Form eine formale Analyse. Aus diesen Gründen stufe ich das Gedicht als mittelschwer ein, das als Audio-Version sehr wohlklingend ist und den Leser zum Nachdenken über die Wirkung von Worten anregt.

Verfasser/in hinauf

Andrea Adamer, Neue Kantonsschule Aarau (4B), hat einen weiteren Favoriten:

Quellen & Links hinauf

-- AndreaAdamer - 25. Oktober 2007