Ringelnatz (1883-1934): Die Schnupftabaksdose (1912)

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Gedichttext hinauf

Joachim Ringelnatz
Die Schnupftabaksdose

Es war eine Schnupftabakdose,
Die hatte Friedrich der Große
Sich selbst geschnitzelt aus Nußbaumholz.
Und darauf war sie natürlich stolz.

Da kam ein Holzwurm gekrochen.
Der hatte Nußbaum gerochen.
Die Dose erzählte ihm lang und breit
Von Friedrich dem Großen und seiner Zeit.

Sie nannte den alten Fritz generös.
Da aber wurde der Holzwurm nervös
Und sagte, indem er zu bohren begann:
»Was geht mich Friedrich der Große an!«

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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Ringelnatz, Joachim
Titel: Die Schnupftabaksdose
Thema: Grosse Namen
Erscheinungsjahr: 1912
Zeilen: 12
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Rezensent/in: Miryam Ebneter
Schwierigkeit: leicht

Interpretation hinauf

Das Gedicht „Die Schnupftabaksdose“ von Joachim Ringelnatz (1883- 1934) wurde 1912 geschrieben. Joachim Ringelnatz, mit Geburtsname Hans Bötticher, war ein deutscher Schriftsteller, Kabarettist und Maler während der Zeit Hitlers (1889-1945). Dessen NSDAP zensurierte nach und nach Ringelnatz‘ Gedichte, bis ihm auch noch ein Auftrittsverbot erteilt wurde. Zeit seines Lebens war er arm, obwohl er diverse Berufe lernte. Sein Nachruhm ist dafür umso grösser: „Die Schnupftabaksdose“, eine groteske, humoristische Unsinnspoesie, gehört bis heute zu seinen bekanntesten Gedichten.

Das Gedicht beschreibt eine Begegnung zwischen einer Schnupftabaksdose und einem Holzwurm, die belebt werden und wie in einer Fabel miteinander sprechen. Die Schnupftabaksdose erzählt dabei, dass Friedrich der Grosse sie aus Nussbaumholz angefertigt habe. Doch der Holzwurm kümmert sich nicht darum, und meint „indem er zu bohren begann: ‚Was geht mich Friedrich der Grosse an!‘“

Aufgebaut ist das Gedicht aus 12 Versen in 3 Strophen. Ringelnatz hält es mit Reimen, Enjambements und gleich lautenden Kadenzen zusammen: Die Verse reimen sich durchgehend nach dem Schema des Paarreimes mit der Form aabb ccdd eeff. Doch auch innerhalb der Verse kommen Reime vor: Auf V. 11 eine Alliteration oder ein Stabreim mit „bohren begann“ und auf V. 12 eine Assonanz mit „mich Friedrich“. Die ersten beiden Strophen enden auch Paarweise abwechselnd in weiblicher und männlicher Kadenz. Die letzte Strophe hat nur noch männliche Kadenzen, was das Tempo und die Spannung erhöht.

Der Name Friedrich der Grosse wird in der letzten Strophe zum „alten Fritz“ degradiert. Dies kann bedeuten, dass auch eine bedeutende Persönlichkeit einmal stirbt, und es der Dose auch durch ihren grossen Namen nicht gelingt, vom Holzwurm, oder, auf den Menschen übertragen, von einer Krankheit, verschont zu bleiben.

Kurz gefasst ein humoristischer, lesenswerter Spott über Berühmtheiten, oder einfach eine gute Unterhaltung.

Verfasser/in hinauf

Miryam Ebneter, Neue Kantonsschule Aarau (4B), hat drei weitere Favoriten:

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-- MiryamEbneter - 08 May 2007