Friedrich Rückert (1788-1866): Chidher (1824)

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Gedichttext hinauf

FRIEDRICH RÜCKERT
Chidher


Chidher, der ewig junge, sprach:
Ich fuhr an einer Stadt vorbei,
Ein Mann im Garten Früchte brach;
Ich fragte, seit wann die Stadt hier sei?
Er sprach, und pflückte die Früchte fort:
Die Stadt steht ewig an diesem Ort
Und wird so stehen ewig fort.
   Und aber nach fünfhundert Jahren
   Kam ich desselbigen Wegs gefahren.


Da fand ich keine Spur der Stadt;
Ein einsamer Schäfer blies die Schalmei,
Die Herde weidete Laub und Blatt;
Ich fragte: Wie lang' ist diese Stadt vorbei?
Er sprach, und blies auf dem Rohre fort:
Das eine wächst, wenn das andre dorrt;
Das ist mein ewiger Weideort.
   Und aber nach fünfhundert Jahren
   Kam ich desselbigen Wegs gefahren.


Da fand ich ein Meer, das Wellen schlug,
Ein Schiffer warf die Netze frei:
Und als er ruhte vom schweren Zug,
Fragt' ich, seit wann das Meer hier sei?
Er sprach und lachte meinem Wort:
Solang als schäumen die Wellen dort,
Fischt man und fischt man in diesem Port.
   Und aber nach fünfhundert Jahren
   Kam ich desselbigen Wegs gefahren.


Da fand ich einen waldigen Raum,
Und einen Mann in der Siedelei,
Er fällte mit der Axt den Baum;
Ich fragte, wie alt der Wald hier sei?
Er sprach: Der Wald ist ein ewiger Hort;
Schon ewig wohn' ich an diesem Ort,
Und ewig wachsen die Bäum' hier fort.
   Und aber nach fünfhundert Jahren
   Kam ich desselbigen Wegs gefahren.


Da fand ich eine Stadt; und laut
Erschallte der Markt vom Volksgeschrei.
Ich fragte: Seit wann ist die Stadt erbaut?
Wohin ist Wald und Meer und Schalmei?
Sie schrien und hörten nicht mein Wort:
So ging es ewig an diesem Ort
Und wird so gehen ewig fort.
   Und aber nach fünfhundert Jahren
   Will ich desselbigen Weges fahren.

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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Rückert, Friedrich
Titel: Chidher
Thema: Vergänglichkeit
Gedichtform: Ballade
Erscheinungsjahr: 1824
Zeilen: 45
Link: hier
Rezensent/in: AlexGekenidis
Schwierigkeit: einfach

Interpretation hinauf

Der deutsche Dichter Friedrich Rückert wurde um 1788 in Schweinfurt geboren und starb 78 Jahre später, um 1866, in der Nähe von Coburg. Er ist am ehesten dem Biedermeier zuzuordnen. Tätig war er zu einer Zeit, wo die Dichter sich in Anbetracht der Tatsache, dass die deutsche Klassik erst kurz zurücklag, bewusst waren, dass ihre Werke im grossen Schatten Goethes liegen würden. Deshalb versuchten sie, und vor allem Rückert, auf antike und orientalische Figuren zurückgreifend, neue Formen der Dichtung zu erschaffen.

Chidher, das lyrische Ich, kommt alle 500 Jahre am selben Ort vorbei. Bei jedem seiner Besuche gestaltet sich die Landschaft anders: Beim ersten Mal steht eine Stadt dort, beim zweiten eine Weide, anschliessend ein Meer, gefolgt von einem Wald und schliesslich wieder eine Stadt. Auf seine jeweilige Frage, wie lange sich denn die Stadt / die Weide etc. schon dort befindet, antworten alle: "Schon immer, und sie wird auch immer hier sein.", doch 500 Jahre später ist nichts mehr davon zu sehen ...

Beim Gedicht handelt es sich um eine fünfstrophige Ballade. Die zehnversigen Strophen sind jeweils gleich aufgebaut Chidher fungiert als offener Sprecher. Das Metrum weist einige Unebenheiten auf, doch grundsätzlich sind die ersten 7 Zeilen jeder Strophe ein Jambus mit männlicher Kadenz, die letzten beiden Zeilen hingegen ein Daktylus mit weiblicher Kadenz. Auch das Reimschema ist eine Mischung, und zwar eine aus Kreuz-, Haufen- und Paarreimen. In Buchstaben ausgedrückt lautet es ababcccdd.

In früheren Fassungen des Gedichtes ist nicht von Chidher, dem ewig jungen die Rede, sondern von Chidher, dem ewigen Juden. Dies scheint, wenn man den Inhalt des Gedichtes betrachtet, eine Anspielung auf die christliche Legende von Ahasvar, dem ewigen Juden zu sein. Die Legende lautet etwa folgendermassen:
Ahasvar war ein Schuster in Jerusalem, zur Zeit als Jesus gekreuzigt wurde. Letzterer sei, das Kreuz tragend, an Ahasvars Werkstatt vorbeigekommen und wollte eine Ruhepause auf dessen Türschwelle einlegen, was ihm Ahasvar verweigerte. Daraufhin sei dieser verflucht worden, auf einer ewigen Wanderschaft durch die Welt irren zu müssen und Zeugnis gegen das Judentum wegen der Kreuzigung Jesu abzulegen.

Rückert scheint diese Idee aufgegriffen zu haben, wobei er den Namen auf Chidher abänderte, da die Legende von Ahasvar oft als antisemitisch angesehen wurde. Die Botschaft des Gedichtes scheint eindeutig zu sein: Die Werke der Menschen sind genau so vergänglich wie die Menschen selbst. Sucht man etwas weiter, könnte man das Gedicht auch religionskritisch interpretieren: Grob gesehen kommt alle 500 Jahre eine neue "Religion" auf: Buddhismus (500 v.Chr.), Christentum, Islam, Katholizismus, Reformation (Anglikanische Kirche, Lutheraner, Calvinisten, ...). Jede Religion erhebt Anspruch darauf, die einzig wahre und "ewige" zu sein. Doch dieser Ansatz erklärt nicht, weshalb z.B. von der Stadt nach 500 Jahren keine Spur mehr zu finden ist, deshalb ist es wohl eher ein Gedicht ohne versteckte Botschaft.

Verfasser/in hinauf

AlexGekenidis, Neue Kantonsschule Aarau (2003c), hat drei weitere Favoriten:

Quellen & Links hinauf

-- AlexGekenidis - 28 Jan 2007