Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832): Dämmerung senkte sich von oben (1829)

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Gedichttext hinauf

Johann Wolfgang von Goethe
Dämmerung senkte sich von oben

Dämmerung senkte sich von oben,
Schon ist alle Nähe fern;
Doch zuerst emporgehoben
Holden Lichts der Abendstern!
Alles schwankt ins Ungewisse,
Nebel schleichen in die Höh;
Schwarzvertiefte Finsternisse
Widerspiegelnd ruht der See.

Nun im östlichen Bereiche
Ahn ich Mondenglanz und -glut,
Schlanker Weiden Haargezweige
Scherzen auf der nächsten Flut.
Durch bewegter Schatten Spiele
Zittert Lunas Zauberschein,
Und durchs Auge schleicht die Kühle
Sänftigend ins Herz hinein.

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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Goethe, Johann Wolfgang
Titel: Dämmerung
Thema: Klassik
Gedichtform: Ballade
Erscheinungsjahr: 1829
Zeilen: 16
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Rezensent/in: CorneliaDroese
Schwierigkeit: einfach




Interpretation hinauf

Johann Wolfgang von Goethe wurde 1749 in Frankfurt am Main als Sohn eines Gemälde-Sammlers geboren. Als er dieses Gedicht „Dämmerung“ (1829) schrieb, neigte sich sein Leben bereits dem Ende zu. Dies war in der Epoche der Klassik ¸ in der das Schöne in der Kunst, also die Harmonie von Natur und Kunst, im Zentrum stand. Das Gedicht handelt von einer Abendstimmung. Das lyrische Ich beschreibt die Kühle und Ungewissheit der Dämmerung an einem See. Es ahnt jedoch schon den hellen neuen Mond im Osten aufgehen.
Die Ballade besteht aus zwei 8-Zeiligen Strophen, dessen Versmass ein 4-füssiger Trachäus im Kreuzreim ist (mit Ausnahme der Zeilen 6/8). In der zweiten Zeilen benützt Goethe ein Oxymoron („ferne Nähe“), um seine Gefühle auszudrücken. Weiter greift er in Zeile 7 auf den Pleonasmus zurück um seine Empfindungen bezüglich dieser Finsternis zu unterstreichen.
Das Gedicht kann im Wesentlichen aus zwei Standpunkten gelesen werden: es kann als Naturgedicht gelesen werden, indem man alles so sieht wie es steht. Aber da Goethe es in seinem Lebensabend geschrieben hat, kann man es auch als Rückblick auf sein Leben und als Ausblick auf seinen Lebensherbst und die Gefühle, die damit verbunden sind, verstehen. So könnte man die beiden Strophen in etwa folgendermassen übersetzen:

„Es wird dunkel, mein Leben neigt sich dem Ende zu. Alles, woran ich mich erinnern kann als wäre es gestern gewesen, scheint nun doch schon so fern. Was nach dem Tod kommt ist mir ungewiss und der Nebel verwischt mir, was eben war noch klar... doch vom neuen Leben scheint ein Licht, das mir sänftigend Ruhe in mein Herz legt“

Ein rezeptionsästhetischer Ansatz wäre jedoch auch möglich. Der Leser wird vom Gedicht zum Träumen verführt. Es ist eine ruhige Landschaft, in der Friede herrscht. Die Dämmerung und die Kühle lassen zwar eine Ungewissheit spüren, doch der Autor gibt uns Zuversicht, dass alles gut kommen wird. Man fühlt sich in diesem Gedicht geborgen.


Verfasser/in hinauf

Cornelia Droese, Neue Kantonsschule Aarau (3D), hat drei weitere Favoriten:

Quellen & Links hinauf

  • Quelle 1: "Deutsche Lyrik", Suhrkamp Taschenbuch 1607 ISBN: 3-518-38107-5
  • Quelle 2: www.wikipedia.de Stichwort: Goethe