Theodor Fontane (1819-1898): Meine Gräber (1888)

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Gedichttext hinauf

Theodor Fontane
Meine Gräber

Kein Erbbegräbnis mich stolz erfreut
Meine Gräber liegen weit zerstreut
Weit zerstreut über Stadt und Land
Aber all in märkischem Sand

Verfallene Hügel, die Schwalben ziehn,
Vorüber schlängelt sich der Rihn,
Über weisse Steine, zerbröckelt all,
Blickt der alte Ruppiner Wall,
Die Buchen stehn, die Eichen rauschen,
Die Gräberbüsche Zwiesprach tauschen,
Und Haferfelder weit auf und ab -
Da is meiner Mutter Grab.

Und ein andrer Platz, dem verbunden ich bin:
Berglehnen, die Oder fliesst dran hin,
Zieht vorüber in trägem Lauf,
Gelbe Mummeln schwimmen darauf;
Am Ufer Werft und Schilf und Rohr
Und am Abhange schimmern Kreuze hervor,
Auf eines fällt heller Sonnenschein -
Da hat mein Vater seinen Stein.

Der dritte, seines Todes froh,
Liegt auf dem weiten Teltow-Plateau
Däver von Ziegel, Dächer von Schiefer,
Dann und wann eine Krüppelkiefer
Ein stiller Graben die Wasserscheide,
Birken hier, und da eine Weide,
Zuletzt eine Pappel am Horizont,
Im Abendstrahle sie sich sonnt.
Auf den Gräbern Blumen und Aschenkrüge,
Vorüber in Ferne rasseln die Züge,
Still bleibt das Grab und der Schläfer drin -
Der Wind, der Wind geht drüber hin.

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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Fontane, Theodor
Titel: Meine Gräber
Thema: Familienbande, Natur
Gedichtform: keine
Erscheinungsjahr: 1888
Zeilen: 33
Link: hier
Rezensent/in: Gabi Bollmann
Schwierigkeit: mittelschwer

Interpretation hinauf

Meine Gräber (1888) gehört zu den weniger bekannten Gedichten Theodor Fontanes (1819 – 1898), trotzdem ist es repräsentativ für den Realismus. Mit viel Herz und Liebe zum Detail behandelt der deutsche Realist typische Themen dieser Epoche wie Natur, die künstlerische Darstellung der Wirklichkeit und alltägliche menschliche Probleme.

Dem Gedicht liegt ein trauriger Umstand zu Grunde, nämlich der Verlust drei geliebter Menschen. Fontane nimmt seine Leser auf eine ruhige Reise zu den Ruhestätten seiner Mutter, seines Vaters und seines Sohnes mit. Letzterer wird im Gedicht nur implizit erwähnt, während er bei seinen Eltern mit einer Apostrophe explizit klärt, wer hier begraben liegt.

Fontane beschreibt vor allem die Landschaften. Auf eindrucksvolle Weise haucht er den Orten Leben ein, dies gelingt ihm durch Personifikationen, Onomatopoesie und Beschreibungen der Szenerie. Als Abschlusselement dient eine gelungene Anapher, mit der er dem Gedicht einen harmonischen Schluss gibt.

Während alle vier Strophen durchgehend Kreuzreime und Zeilenstil aufweisen, wechseln die Kadenzen oft und unregelmässig ab. Die gleiche Experimentierfreudigkeit findet sich auch beim Metrum, ausserdem ist keine klare Gedichtform vorhanden, was ab dem 19. Jahrhundert nichts Besonderes war, da sich die Dichter oft nicht mehr an die gängigen Regeln hielten.

Die Landschaften erläutern die Beziehungen Fontanes zu seiner Familie. Seine Mutter liegt inmitten von Haferfeldern begraben, sie war naturverbunden und unkonventionell; des Weiteren symbolisiert der Hafer ihre Mutterrolle als Köchin und Hausfrau. Auf dem christlichen Grab seines Vaters steht ein Kreuz, es zeigt, dass Fontane vom Glauben seines Vaters beeinflusst wurde. Der helle Sonnenschein wird hier als Symbol für das Verhältnis zu seinem Vater gebraucht. Es gab viele Momente in Fontanes Leben, wie z.B. als er an Typhus erkrankt war, in denen er Zuflucht in dessen Apotheke suchte, an diesem Ort war er immer willkommen.

Die letzte Strophe besitzt eine Besonderheit, der Begrabene wird nicht genannt, Fontane spricht vom „Schläfer drin“, was womöglich auf die Tatsache zurückzuführen ist, dass er hier noch nicht bereit gewesen war, Abschied zu nehmen. Diese Tatsache ist nicht weiter erstaunlich, da es sich bei dem Toten um Fontanes dritten Sohn, der erst vor einem Jahr verstorben ist, handelt. Sein Grab ist noch frisch, was gut an den darauf liegenden Blumen und Aschekrügen erkennbar ist.

Verfasser/in hinauf

Main.Gabi Bollmann, Neue Kantonsschule Aarau (3B), hat drei weitere Favoriten:

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