Georg Trakl (1887-1914): Verfall (1913)

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Georg Trakl
Verfall

1 Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten, 2 Folg ich der Vögel wundervollen Flügen, 3 Die lang geschart, gleich frommen Pilgerzügen, 4 Entschwinden in den herbstlich klaren Weiten.

5 Hinwandelnd durch den dämmervollen Garten 6 Träum ich nach ihren helleren Geschicken 7 Und fühl der Stunden Weiser kaum mehr rücken. 8 So folg ich über Wolken ihren Fahrten.

9 Da macht ein Hauch mich von Verfall erzittern. 10 Die Amsel klagt in den entlaubten Zweigen. 11 Es schwankt der rote Wein an rostigen Gittern,

12 Indes wie blasser Kinder Todesreigen 13 Um dunkle Brunnenränder, die verwittern, 14 Im Wind sich fröstelnd blaue Astern neigen.

Im Gedicht "Verfall" (1913) aus der Zeit des Expressionismus wird die Wirkung der hereinbrechenden Herbstzeit auf das lyrische Ich beschrieben. Es handelt sich um ein sontett. Die erste Strophe ist in Jamben mit weiblichen Kadenzen geschrieben und umfasst einen Blockreim. Darin wird beschrieben, was das lyrische Ich wahrnimmt. Es hört Glocken läuten (V.1) und sieht Vögel vorbeiziehen (V.2), was mit einem Pilgerzug verglichen wird (V.3). Diese Beobachtung ruft eine gewisse Sehnsucht hervor. In der zweiten Strophe merkt man, dass das lyrische Ich mit seinen Gedanken ganz woanders ist. Es nimmt das Vergehen der Zeit kaum mehr wahr (V.7) und ist am Träumen (V.6 und 8), was durch den Vogelzug hervorgerufen wurde (V.8). In beiden Quartetten befindet sich das Ich in einem übernatürlichen Zustand und spührt eine grosse Sehnsucht. Doch plötzlich ("da",V.9)wacht das lyrische Ich von seinen Träumereien auf, indem es ein Erzittern aus der Realität wahrnimmt (V.9). Durch den neuen Satzbau und durch das neue Reimschema, nämlich ein Kreuzreim, wird angetönt, dass jetzt etwas Neues kommt. Das lyrische Ich befindet sich nun in einer negativen Stimmung. Es sieht viele Elemente des Verfalls: das Klagen der Amsel (V.10), die entlaubten Zweige (V.10), das Schwanken des Weines an rostigen Gittern (V.11). Die düstere Empfindung des Ichs hört in der vierten Strophe nicht auf. Es vergleicht das Schwanken des Weines, das sich wie ein blasser Kinder Todereigen am Gitter bewegt (V.12). Auch der Blick auf dunkle Brunnenränder, die am Verwittern sind (V.13), ist ein weiteres Merkmal des Verfalls. Sogar die Aster, die ja eigentlich eine Winterblume ist, fröstelt (V.14). Man bemerkt, dass sich in den beiden Terzetten, nebst dem formalen Aufbau, auch die Wortwahl geändert hat. Die Adjektive, Substantive sowie die Verben sind negativ notiert. Georg Trakl spricht in diesem Gedicht die Vergänglichkeit des Irdischen an. Ausserdem ist es ein typisches expressionistisches Gedicht, da er die Schönheit der Welt mit der menschlichen Verzweiflung konfrontiert.

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Kurzinformation hinauf

Autor/in: Trakl, Georg
Titel: Verfall
Thema: Vergänglichkeit des Irdischen, Sehnsucht, Hoffnungslosigkeit
Erscheinungsjahr: 1913
Zeilen: 14
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Rezensent/in: Michelle Hartmann
Schwierigkeit: mittelschwer

Interpretation hinauf

Das Gedicht „Herbsttag“ von Rainer Maria Rilke (1875- 1926), geschrieben 1902, kann dem Symbolismus oder dem Impressionismus zugeordnet

Verfasser/in hinauf

Vorname Name , Neue Kantonsschule Aarau (4c), hat drei weitere Favoriten:

Quellen & Links hinauf

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-- PascalFrey - 22 Apr 2007

-- MichelleHartmann - 11 May 2007