Nadine Roth // Giovanni Giacometti // Sera d'autunno

Krieg der Farbkleckse

Ich, ein grüner Farbtupfer, bewohne mit unzähligen anderen Farbklecksen das Bild von Giovanni Giacometti „Sera d’autunno“ (Herbstabend). Ich möchte euch, den Betrachtern des Bildes, erzählen, wie sich das Zusammenleben in diesem Bild mit Tausenden anderen Farbklecksen abspielt. Ihr könnt euch bestimmt vorstellen, dass da nicht immer völlige Harmonie herrscht, wenn so viele verschiedene Farbtöne aufeinanderprallen.

Unser ganzes Spektrum an Farben besteht einerseits aus dunklen Farbtönen, von Schokoladenbraun bis hin zu Schwarz, dann eher aus neutralen Farben wie Veilchenblau und Kirschrot, wie auch noch aus allerhand hellen Farbtupfern. Sie nehmen sich manchmal etwas wichtig, nur weil sie heller leuchten als alle anderen und so dem Betrachter als erstes ins Auge stechen, wie Blassrosa und Hellgrün. Ich muss zugeben, sie sind wirklich wunderschön, diese strahlenden Farben. Es ist absehbar, dass diese Verschiedenheit der Farben früher oder später zu einer Auseinandersetzung führen muss. Die arroganten und hochnäsigen, zitronengelben Farbkleckse sahen sich schon bis anhin als eine einzigartige und den anderen überlegene Farbe an, doch hielten sie sich damit eher im Hintergrund und dann eines Tages kommen diese eingebildeten gelben Farbspritzer mit der grotesken Idee der Entmischung der Farben. Sie erheben den Anspruch, dass alle hellen und alle dunklen Farben einen eigenen Bereich auf dem Bild bekommen sollten. Sie haben es satt weiterhin mit diesen niveaulosen dunklen Farben am gleichen Ort zu wohnen. Die eh schon etwas neidischen dunklen Farbtupfer sehen bei dieser Forderung sofort rot, denn im Geheimen wünschen sich die meisten von ihnen einen etwas helleren Teint. So erklären sie allen hellen Farben den Krieg. Zuerst hielten sich die anderen hellen Farben wie himmelblau, lila oder hellgrün aus dem Boykott der zitronengelben Farbkleckse heraus, aber jetzt nach der Kriegserklärung dunkel gegen hell fordern auch sie die Aufteilung aller Farbtöne. Dieses ganze Theater wird uns, den neutralen Farben wie veilchenblau, grün oder kirschrot, zu bunt. So versammeln wir uns, um eine plausible Lösung für dieses Problem zu finden. Doch leider gelangen wir zu keinem Ergebnis. Schlussendlich ergreift dann ein weisser Farbspritzer, den ich wegen seiner Weisheit sehr bewundere, das Wort und alle Farbkleckse, sogar die Zankenden, waren für einen Moment mucksmäuschenstill. Der Weisse äussert sich folgendermassen: „Der Maler dieses Bildes hat jedem Farbtupfer seinen eigenen Platz gegeben und dies nicht einfach grundlos. Dieses Bild benötigt die Durchmischung sowohl von den dunklen wie auch von den hellen Farben. Wir können uns nicht einfach aufteilen, sonst zerstören wir den Sinn dieses Bildes. Wir müssen akzeptieren, dass jeder von uns gleich wichtig ist.“ Doch die Streithähne beginnen erneut beim ersten Satz des Weissen mit ihrem Handgemenge und verpassen so die imposante Rede. Der Weisse wird von ihnen nur schlecht gemacht, indem sie ihn ausspotten gar keine Farbe zu sein. So bleibt uns eigentlich gar keine andere Lösung übrig, als die Aufteilung der Farben. Dies geschieht dann auch tatsächlich während der Nacht. Die eher hellen Farbtöne verziehen sich an den oberen Rand, die Neutralen in die Mitte und die Finsteren nach unten. Als es dann Tag wird und die Umorganisation vollendet ist, herrscht nach langem eine gewisse Zufriedenheit auf dem Bild, die aber nicht von langer Dauer ist. Denn, was die Farbspritzer nicht miteinberechnet haben, ist, dass das Bild jetzt seine ganze Wirkung verloren hat. Nun laufen nämlich die Besucher des Museums einfach an unserem Bild vorbei. Geprägt von diesem Erlebnis beschliessen alle Farbtupfer, inklusive den hellen, wieder gleich zu sein wie früher. Sogar die aufgeblasenen, zitronengelben Farbspritzer müssen einsehen, dass sie sich lieber mit den Dunklen vertragen, als von aller Welt ignoriert zu werden.

Als Betrachter des Bildes von Giovanni Giacometti im obersten Stockwerk des Aarauer Kunstmuseums erspäht man eine malerische Herbstlandschaft mit einem Fluss, Bergen und einem Wald. Aus meiner persönlichen Sicht als Farbtupfer spielt sich auf diesem Bild viel mehr ab als diese Idylle. Ihr müsst wissen, es ist nicht einfach, wenn so ganz verschiedene Farbkleckse aufeinandertreffen. Das kann manchmal zu gewissen Unstimmigkeiten führen. Wenn aber jeder Bewohner unseres Bildes dem anderen gegenüber ein wenig Respekt zeigt, werden wir in Zukunft miteinander eine friedliche Nachbarschaft pflegen und ihr, als Betrachter, könnt das Bild in seiner ganzen herbstlichen Pracht geniessen.

NadineBild.jpg