Magdalena Ehrensperger // Giovanni Giacometti "Mattina d'estate",1903

magbild.jpg "Mattina d’estate“ (1903, Giovanni Giacometti)

Jedes Mal wache ich hier auf, immer an der selben Stelle: Ein Vogel zwitschert diese harmonische Melodie. Sie erinnert mich an meine Kindheit... Nein, schon wieder ist alles vorbei, Schluss, ausgeklungen. Weiter bin ich noch nie gekommen. Hier bin ich nun, ein weiterer Tag steht vor mir, ein Tag voller Hass und Ungewissheit: Es herrscht immer noch Krieg. Täglich bekämpfen sich fremde Männer, meine Freunde, meine Brüder. Tausende von unschuldigen Menschen fallen diesem sinnlosen Krieg zum Opfer. Die Erinnerungen an die friedlichen Zeiten vor dem Krieg verblassen mehr und mehr, der Kriegszustand ist zur Gewohnheit geworden. Aber ich ertrage ihn nicht mehr: Das Donnern der Panzer lässt mich zusammenzucken. An allen Ecken der Stadt hört man das Rattern der Maschinengewehre, deren Munition nicht auszugehen scheint.

Mein Leben geht an mir vorbei. Die Tage sind lang und mühsam, ich lebe von Nacht zu Nacht. Ja, die Nacht, sie ist meine Rettung, wenn sie mich sanft in den Schlaf wiegt und ich es wieder sehen kann, das Paradies auf Erden: Saftig grüne Wiesen, blühende Blumen, Summen der Bienen, Rauschen des Baches, blauer Himmel, samtig weiche Hügel, Berge, deren Spitzen weiss verzuckert sind... Sträucher, unter denen sich Kinder beim Versteckspiel verkriechen können. Im Bach treiben Forellen. Sie schwimmen mit einer Leichtigkeit, mit einer Unbeschwertheit durch das klare Wasser. Ein leichtes, erfrischendes Lüftchen zieht durch das Tal.

Ich streife durch hohes Gras, es kitzelt an meinen nackten Beinen. Während ich so durch das Feld wandere, höre ich die Grillen zirpen. Wespen schlagen ihre Flügel in Rekordgeschwindigkeit und Heuschrecken hüpfen von Halm zu Halm. Die letzten Raupen haben sich verpuppt und tanzen nun als Schmetterlinge mit ihrer ganzen Pracht in der herrlich warmen Luft umher. Man kann den Frieden förmlich riechen, es ist einfach wunderschön! Da! Der Vogel! Er zwitschert wieder seine Melodie, unsere Melodie...

Ich bin wach, ein neuer Tag beginnt.

Seit Kriegsbeginn träume ich nun jede Nacht von der heilen Welt, von dieser Idylle. Aber immer reisst mich der Morgen an der gleichen Stelle aus dem Schlaf... Ich weiss nicht, wie mein Traum weitergeht, aber ich weiss: Eines Tages, an einem wunderschönen Sommermorgen, werde ich ihn weiterLEBEN, nicht weiterTRÄUMEN!