MARIANNA FELLMANN // HEINER KIELHOLZ // rio blues // 1971/72

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Ein kalter Nachtwind wirbelt braune und weisse Fetzen empor. Setzt sie zusammen zu Bildern, reisst sie wieder auseinander und lässt neue entstehen. Mitten im Sog richtet sie sich auf. Eine Jeanne d’Arc, kämpferisch, fest entschlossen ihr überirdisches Ziel zu erreichen. Daneben ein anderes Gesicht, leicht abgewandt, den toten Blick in die Ferne gerichtet. Über ihnen herrscht der Piratenführer, den pelzbesetzten Hut tief in die Stirn gedrückt. Verzweifelt folgt ihnen eine weibliche Gestalt, deren Blick suchend zu Boden gerichtet ist. Der kleinen Gruppe stellt sich ein verbissener Greis in den Weg. Seine leeren Augenhöhlen starren an ihnen vorbei in die Vergangenheit. Wer sind sie, die da vorbeiströmen? Arme Seelen aus dem Totenreich, ewig verdammt vom Wind getrieben zu werden? Oder doch nur Sinnestäuschungen? Kaum berührt von der Drift weilt der Unbeteiligte am Rande der Szenerie, während zu seinen Seiten Eingesperrte den Rahmen zu sprengen versuchen. Wie unter einer Brücke scharen sich weitere stumme Figuren: Ein Bärtiger zieht gleichgültig vorüber; eine junge Frau sitzt leicht gebeugt, mit angezogenem Knie im Windschatten. Das offene Haar fällt über ihre Schultern. Betrachtet sie den Intellektuellen zu ihren Füssen, der etwas in den Wind zu rufen scheint? Oder spürt sie den Zug der Bewegung, ausgehend vom Manne, der hinter ihrem Rücken aus dem Hintergrund hervortritt? Der nächste Windstoss lässt für Sekunden die Bilder verschwinden. Fetzen wirbeln durch die eisige Nacht. Mitten im Sog erkenne ich ein Gesicht...

-- MariannaFellmann - 13 Aug 2004