Eine Bildbeschreibung zu "Rio Blues, 1971/72" von Heiner Kielholz

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Träume

Es ist Morgen. Ich liege im Bett. Wohlige Wärme umgibt mich. Meine Augen sind geschlossen. Ich spüre, wie mein Körper schwer ist, träge. Es ist, als ob er vollgesogen wäre, durchnässt. Nicht von Schweiss, nein! Von Träumen. Ich möchte aufstehen. Kann nicht, drehe mich um.

Das Meer der nächtlichen Geschichten und Fantasien liegt noch immer in meiner Sichtweite. Ich betrachte es. Wie gross es ist, mächtig und unüberschaubar. Eine verborgene Welt. Eine Welt, die darauf wartet, entdeckt zu werden. Sie will entdeckt werden, drängt mich beinahe dazu. Nacht für Nacht.

Düster liegen die Wassermassen vor mir, die Gischt nur schwach sichtbar. Sanft kräuselt sie sich und spielt Fangen. Wie Kinder. Auf dem Spielplatz. Dieses Schauspiel lässt mich nicht mehr los, nimmt mich gefangen. Ich fühle, wie Stricke um meinen Hals, meine Arme und Beine gelegt werden. Ich werde gezogen, in dichten Nebel. Die Schlingen ziehen sich zusammen, fressen sich in mein Fleisch. Ich will weg, wehre mich - nicht mehr. Ich gebe den Seilen nach, lasse mich zurückfallen, werde sanft von den Wellen erfasst.

Leichter Dunst erschwert die Sicht. Doch die Wellen tragen mich mit Sicherheit durch die Nacht. Vertrauen. Ich schwebe, lasse Dunst und Düsterheit hinter mir zurück. Über mir öffnet sich der klare Himmel. Wunderbar. Wie die Gischt nun im matten Licht der Sterne schimmert. Wie farben- und formenfroh sie ist. Es sind die Träume. Gute. Schlechte. Ich weiss es nicht.

Sie betrachten mich, mustern mich. Durchdringende Blicke. Verhüllte Gesichter und umschlungene Körper ragen aus der Gischt, verlieren sich sogleich wieder in ihr, treten erneut hervor. Sie kommen auf mich zu. Alle. Näher. Umschlingen mich und zerren mich in die Tiefe.

Nichts. Wasser, rundherum Wasser. Ich wate zum Ufer, verlasse das dunkle Nass und lege mich in den Sand. Ich drehe mich und öffne meine Augen. Vor mir die Wand neben meinem Bett. Nacht. Gischt. Nebel. Weiss. Weiss.

Thomas Brack, Mai 2004