Rahel Lindegger// Johann Heinrich Füssli// Paolo Malatesta und Francesca da Polenta von Gianciotto Malatesta überrascht// 1785

Intrigo


bildrahelweb.jpg

Rimini. Die männliche linke Hand die linke weiche runde, aber noch vom Kleid knapp bedeckte Brust streichelnd. Unwiderstehlichkeit. Eine weisse Blume das gelockte, orangenfarbige, nach Aprikosen riechende Haar zusammenhaltend. Schönheit. Seine rechte Hand in ihrem Schoss nach der zarten, kleinen Ihrigen greifend. Verlangen. Die Träger von ihrem weissen, etwas durchsichtigen Kleid von ihrer hellen Schulterhaut rutschend. Verstand. Der lange braune Mantel seinen gut gebauten Oberkörper bedeckend. Männlichkeit. Ihr Blick halboffen und langsam in die westliche Himmelsrichtung wandernd. Genuss. Seine linke Hand nach ihrer linken Brust greifend, mit den Fingerspitzen ihre Brustwarzen umkreisend. Begierde. Ihre linke Hand sein wuscheliges Haar streichelnd. Sinnlichkeit. Seine schmalen, leicht rötlichen Lippen leicht ihr zartes Kinn berührend. Lust. Das Strahlen der Leidenschaft aus ihrer Tat. Liebe.

Ardere amore. Diese Liebe, das unbeschreibliche Gefühl, das ihnen plötzlich den Kopf verdreht. Er verwöhnt sie, sie ist hin und weg. Paolo und Francesca da Rimini erglühen in Leidenschaft und finden sich in den Armen des andern wieder…

Gegen Ende des 13. Jahrhunderts vereinbarte Malatesta da Verocchio mit Guido da Polenta, Herrscher Ravennas, die Ehe zwischen den beiden Sprösslingen. Francesca, der gesagt wurde, sie werde den Erstgeborenen eines mächtigen Hauses heiraten, willigte freudig ein, als sie Paolo il Bello, den Schönen, erblickte. Er kam nach Ravenna, um die Jungfrau in Vertretung seines Bruders Gianciotto zum Altar zu führen. Ihr Vater hatte sie in dem Glauben gelassen, Paolo sei der Bräutigam. Welch böses Erwachen mag sie am Morgen nach der Hochzeitsnacht erlebt haben, als sie Gianciottos statt Paolos neben sich im Bett gewahr wurde. Doch ihre einzigartige Liebe setzte sich gegen die Vorschriften durch, da sich auch Paolo in Francesca verliebt hatte, und begünstigte mit Gianciottos stetiger Abwesenheit die zwischen Ihnen aufblühenden Leidenschaften.

Viertelstunde später. Feiner schmaler Schnauz bis zu den Mundwickel scharf geschnitten. Achtung. Die linke Hand zu einer Faust geballt. Zorn. Die rechte Hand den Griff einer Axt fest umklammernd. Aggression. Der enge Anzug mit einem roten Überzug seine gespannten Muskeln umschliessend. Kraft. Das Strahlen seiner Wut. Angst. Die dunklen Augen funkelnd. Hass. Die Gedanken zwischen Liebe und Tod schwirrend. Eifersucht.

Bollire d’ira. In einem Menschen, der von bösartiger Eifersucht befallen ist, entwickelt sich ein Kern bitterer Emotionen, der in bösen Gefühlen endet und sich gegen das Opfer entlädt. Die Qual in Gianciottos Herzen nimmt zu und sprüht voller Aggression. Er verliert den Verstand und lässt seiner Eifersucht freien Lauf…

Immer noch gegen Ende des 13. Jahrhundert, der Eroberer und gewandte Politiker, der als Vogt in verschiedenen Städten verweilte, kehrte heimlich nach Rimini zurück und ertappte die Ehebrecher auf frischer Tat. Mit voller Wut stürzte er auf die Verliebten. Und somit nahm die unglückliche Liebe zwischen Paolo Malatesta und Francesca da Rimini ihr tragisches Ende.

Im Tode vereint, wie sie es im Leben nie sein konnten.

Hier könnt ihr euch austoben und eure Kommentare abgeben:

BeatKnaus: Ich finde diesen Text ganz toll, weil ich ihn toll finde.