Text by Francesca Wyser// Bild by Johann Heinrich Füssli// Odysseus zwischen Skylla und Charybdis// um 1805

Wo endet das Spiel des Lebensflusses?

Wellen brechen übereinander ein, wild schäumend lecken ihre Wasserzungen über die Felsen, als wollten sie alles verschlingen. Die Gischt und der Nebel hüllen alles in einen milchigen Dunst und nur die scharfkantigen Felsen ragen dunkel und bedrohlich aus dem Wasser. Plötzlich, inmitten des wirbelnden Wassers, taucht ein Boot im Dunst auf, auf welchem ein Mann hochaufgerichtet, seine starken Füsse den Bootsrand fest umklammernd, gegen ein riesiges Ungeheuer kämpft. Durch die Darstellung des Malers hat der Mann etwas Heldenhaftes, fast Göttliches an sich. Sein Körper ist nackt und weiss - ein Zeichen von Reinheit und Unschuld? - seine stramme, aufrechte Körperhaltung beweist Mut, Stärke und Tapferkeit. Er trägt keine richtigen Waffen, in seiner Hand ist nur eine Andeutung eines kurzen Messers zu erkennen, welches aber niemals ausreichen würde um sich gegen dieses schreckliche Meeresungeheuer zu wehren. Sein einziger Schutz ist das Schild. Doch er ist in einer aussichtslosen Lage, denn vor ihm ist ein driftender Abgrund, um ihn klaffen überall Felsen aus dem Wasser, die sein Boot jederzeit zu zerschellen drohen, und zu seiner Seite das Untier, das hoch über ihm aufragt und ihn mit seinen drei Köpfen anstarrt. Im Boot sitzt noch ein anderer Mann, man sieht jedoch nur seinen Arm, er war wahrscheinlich einer seiner Gefährten, die Übrigen hat das Ungeheuer vermutlich schon gepackt, denn man sieht, wie seine weitaufgerissenen Münder die Menschenkörper verschlingen und ihre spitzen Zähne sich in das Fleisch bohren. Seine Augen sind bedrohlich auf den Helden gerichtet.


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Wenn man das Bild so flüchtig betrachtet, scheint es nur Düsterkeit und Bedrohung zu vermitteln, bei genauerer Betrachtung sieht man jedoch, dass es in ein kaum wahrnehmbares goldiges helles Licht getaucht ist, das auf das Wasser scheint, es zum Leuchten bringt und das in unseren Herzen einen kleinen Hoffnungsschimmer wachsen lässt. Trotz ihrer Wildheit scheinen die Wellen vor Leben zu sprühen, zu schimmern, als wäre dies alles für sie nur ein Spiel. Alles hängt vom Wasser ab - und von dem Boot, das im Mitspiel mit dem Wasser, zwischen den Ufern der Hoffnung schaukelt. Es ist, als würde der Held vor seinem Schicksal stehen. Das Ungeheuer - es erinnert mich an den dreiköpfigen Hund, der das Tor des Totenreiches von Hades bewacht- führt ins Jenseits. Wird das Wasser das Boot sicher weitertragen, vorbei am Monster und den Felsen, oder werden seine Wellen, welche wie Tausende von rufenden Seelen nach dem Helden greifen, das Boot in den riesigen Meeresschlund - ins Verderben- ziehen? Das bleibt offen. Faszinierend bleibt das Spiel der Wellen- ein Spielen um das Leben - ein Spiel, das auch den Maler mitgerissen hat, denn einzelne grobe Pinselstriche durchziehen das Bild, gefolgt von sanfteren, als ob der Maler manchmal plötzlich von der Wildheit und Lebendigkeit des Wassers gepackt wurde- der Wildheit und Lebendigkeit des Lebens.

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