ESTHER GLOOR // JOSEPH ANTON KOCH // Das Kloster San Francesco di Civitella (um 1830)


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Eben bin ich vor einem Gemälde stehen geblieben. Ich betrachte eine Landschaft, wahrscheinlich liegt sie in Italien. Sie fasziniert mich mit ihrer ruhigen, beinahe heiligen Ausstrahlung.

Ich überlege mir, was mich an dieser Landschaft eigentlich an meinen Urlaub in Italien erinnert, und komme zum Schluss, dass es die rotbraune Farbe der Erde und des Gesteins sowie das matte Grün der Büsche und Olivenbäume sind, welche in mir das Gefühl von Ferien aufkommen lassen. Vor mir öffnet sich ein kleines Tal, mehr eine Senke, und wenn ich meinen Blick hebe, bleibt er an kargen, rotbraunen Felsenbergen hängen, welche die Region gegen hinten von der Aussenwelt abzutrennen scheinen und gegen den rechten Bildrand hin in einem bewaldeten Hügel ausufern. Von der linken Talseite her lässt ein grosser, bewaldeter Felsbrocken das Tal langsam im Schatten der fahlen, von Wolken verschleierten Abendsonne versinken, und eine kühle Brise weht von den Bergen her.

Das Gefühl von Heiligkeit und Unschuld dieser Region ist nicht unbegründet, denn mitten im Tal steht ein Kloster. Es besteht aus einer sandsteinfarbigen Kirche, welche im faden Licht jedoch gräulich wirkt. Ihre äussere Erscheinung ist schlicht, und die Glasrosette über der Eingangstüre scheint neben dem kleinen, schmalen Kirchturm die einzige Verzierung zu sein. Zwei Häuser im selben Stil sind dieser Klosterkirche angeschlossen, und weiter stehen zwei Einzelhäuser unmittelbar hinter dem Kloster. Mein Blick bleibt einen Moment auf diesem Steingebäudekomplex liegen. Dieses Kloster, so denke ich, liegt wie eine Festung im Tal. Eine faszinierende Sicherheit, Ruhe und Festigkeit strahlt es aus, dieses Gefühl wird in drei Festungsruinen, am Berghang und auf zwei Felsbergen im Hintergrund ruhend, bestätigt.

Rund um dieses Kloster spielen sich, in der kühlen Abendluft durch die Ausstrahlung des Klosters zu absoluter Stille verzaubert, stumm verschiedene Einzelszenen ab. Hinter dem Kloster, leicht erhöht, steht eine kleine Kapelle. Bei ihrem Anblick fröstelt es mich. Sie sieht, im Schatten versunken, dunkel, kalt und verlassen aus. Gleich unterhalb dieser Kapelle, im Talboden rechts vom Kloster, steht ein Hirte, der seine Schafe auf einer Wiese weiden lässt, die Szene ist von der Sonne leicht beleuchtet. Ein Psalm der Bibel kommt mir in den Sinn, wo Gott als guter Hirte dargestellt wird, das Bild scheint also in sein religiöses Umfeld zu passen. Links im Tal entfernt sich eine Reihe von Mönchen vom Kloster. Eine niedrige Steinmauer verdeckt den unteren Teil ihrer schwarzen Kutten, aber ich kann leise die regelmässigen Schritte auf dem Kiesweg wahrnehmen. Alle folgen, still hintereinander hergehend, jeder mit einer weissen Kerze in der Hand, stumm einem dünnen Holzkreuz, welches vom Vordersten unter ihnen getragen wird. Oder folgen sie Jesus?

Ein einzelner, ebenfalls schwarz gekleideter Mönch, kommt von der linken Talseite her auf mich zu. Ich bewundere seine ruhige Ausstrahlung, welche Zufriedenheit und Gelassenheit in sich trägt. Gleich vor ihm reitet eine jüngere Frau auf einem dunklen Pferd, ein schwarzer Hund begleitet sie. Ich erkenne nicht, was sie vorhat, sie wirkt jedoch nachdenklich und konzentriert. Sie wird in wenigen Augenblicken an einem grossen Steindenkmal vorbeikommen, welches am Wege liegt. Zwei Frauen und ein Mädchen knien sich davor nieder, und ich frage mich, ob die drei Gott oder das Steindenkmal anbeten.

Es herrscht Schweigen. Niemand hat es nötig, etwas zu sagen. Ich kann meinen Atem hören, und sofort habe ich das Gefühl, durch meine Anwesenheit diese einzigartige, religiöse Atmosphäre zu stören. Mit langsamen Schritten entferne mich von der Szene.