You are here: NKSA » KurtSeeligmann

Bildbeschreibung

Warum dieses Bild?

Verwirrend, kompliziert, dunkel, irrational, mystisch, magisch und chaotisch. Surrealismus, so wie er überall in Büchern beschrieben wird. Und genau vor so einem Bild stand ich im Kunstmuseum Aarau. Ich blickte auf das Bild, doch verstehen konnte ich es nicht, genau so wenig wie begreifen. Es faszinierte mich in seiner unlogischen Art und Weise so, dass mein Blick nicht davon abweichen wollte. So war es für mich klar, dass ich mich eine Weile mit diesem Bild befassen wollte.

Schon von Anfang an wusste ich, dass ich das Bild nie ganz verstehen würde. Wohl nur der Maler des Bildes, Kurt Seligmann (er lebte von 1900-1962), kannte die Hin-tergründe und Bedeutung seines Bildes. Jedoch musste ich mit einem Ansatz begin-nen und dachte es wäre von Vorteil, etwas über den Stil der Malerei in Erfahrung zu bringen, um dem Bild ein wenig näher zu kommen.

Surrealismus

Der Surrealismus hatte seinen Ursprung in Frankreich und um 1924 wurden in Paris die ersten surrealistischen Bilder veröffentlicht. Der Surrealismus ist eine ganz ei-genartige Kunst des Malens. Im Vordergrund steht die Darstellung von Träumen und unbewussten Gedanken, vereint mit der Realität, also ein Zusammentreffen von Dingen, Gegenständen des realen Lebens, mit einem absurden Umfeld. Für die Maler war es die Kunst, ihr eigenes Innenleben, ihre Psyche und seelischen Zustand, in Farben und Formen umzusetzen. Sie versuchten sich vom Automatismus (spontane Maltechnik, um das Unbewusste, ohne Kontrolle der Vernunft, in künstlerische Aktivität umzusetzen _ nicht der Maler führte den Pinsel, sondern der Pinsel führte den Maler) leiten zu lassen. Der Surrealismus wurde rasch International bekannt, verlor aber nach 1945 seine Bedeutung. Einer der bedeutendsten und bekanntesten Maler des Surrealismus war Salvador Dalí (lebte von 1904-1989). Dalís Lebensphilosophie wurde durch die Psychoanalyse Freuds entscheidend geprägt, was sich dann in seinen Bildern widerspiegelte. Zum Vergleich mit dem Bild von Karl Seligmann sieht man oben ein Bild von Dalí, „brennende Giraffe" genannt.

Als ich diese Informationen über den Surrealismus in meinem Hinterkopf behalten habe, versuchte ich nachzuempfinden, was Kurt Seligmann mit seinem Bild aus-drücken wollte.

Interpretation

Da ich den Titel des Bildes (La deuxième main de Nosferatu) nicht interpretieren konnte, versuchte ich meine eigenen Eindrücke festzuhalten.

Die erste Form, die ich wohl erkannte, war eine dunkle Klaue mit gefährlich ausse-henden, spitzen Krallen. Einem langem Hals nach oben folgend, formte sich bald ein Kopf. In seinem schwarzen Auge ist Zorn zu finden. Mit einem mächtigen, etwas ge-knicktem Horn geschmückt, ist der Kopf in Richtung Zentrum des Bildes geneigt. Doch dann haben die Formen keine mir bekannten Konturen mehr. Aus diesen Komponenten entstand in meinem Gedächtnis die erst Interpretation, die eine Art Monster im Bild erkennt, das in einem engen Raum lebt. Überall lodert Feu-er, doch die Finsternis oder Boshaftigkeit, die das Monster umgibt, lässt sich nicht erhellen, sie verschlingt alles Licht, nur ungeordnete Formen können in ihr beste-hen. Und doch gibt es eine scheinbare Ordnung im Chaos. Denn wenn die Ordnung nicht wäre, würde wohl auf dem Bild vollkommene Nacht herrschen. Das Monster könnte eine Art Vorbote der Hölle darstellen, oder die finstersten Ecken einer menschlichen Seele bewohnen. Nach einer Zeit löste ich mich von dieser Vorstellung. Es musste mehr dahinter stecken als nur ein Monster, das böse Herzen bewohnte. Ich dachte an den Surrea-lismus. Ist es nicht so, dass Surrealisten versuchten ihr Seelenleben in ihre Bilder zu versetzen? So kam ich auf die Idee, dass es sich um eine Art Gedankenwelt handeln könnte, Erinnerungen, Erfahrungen und Gefühle, die das ganze Leben gesammelt und die alle in irgendeiner Form abgespeichert, durch den Verstand in Freiheit be-grenzt oder sogar in einem Raum eingesperrt wurden. (Zwar sind wir frei im Denken und doch können wir nur begrenzt mit dem Verstand arbeiten, es gibt auch Dinge, die jenseits unseres Vorstellungsvermögens liegen, wie zum Beispiel das Nichts, oder die Ewigkeit) Wenn ich dem Bild einen Namen geben könnte, würde ich es ganz einfach „Das In-nenleben eines Menschen" nennen, gemäss meiner Interpretation.

Alles in allem hat es viel Spass gemacht auf den Spuren dieses Bildes zu wandern. Ich lernte viel über die Kunst des Surrealismus und über die Geschichte der Kunst im Allgemeinen. Ich hätte mich gerne mit Kurt Seligmann unterhalten, wenn er noch leben würde. Es wäre sicher spannend gewesen, etwas über die wahren Hinter-gründe des Bildes zu erfahren.

Zusätzliche Quelle · Das grosse Lexikon der Malerei (Westermann-Verlag)