Hinkt das Bewusstsein dem Gehirn hinterher?

Beschreibung des Experiments mit einigen Standardeinwänden in:

Standard-Einwände

  • Unwiederholbarkeit des Experiments: ...
  • Voreingenommenheit der Probanden: ...
  • Unzuverlässigkeit der Datierung: ...
  • Veto-Rolle des Bewusstseins (von Libet selber): ...
    • Einwand: Wenig überzeugend, denn weshalb sollte die Veto-Entscheidung anders ablaufen können als Entscheidung, einen Finger zu krümmen? Sollte aber die Veto-Entscheidung in der Tat anders ablaufen, dann wäre das ein Hinweis darauf, dass die Entscheidung, den Finger zu krümmen, nicht paradigmatisch ist für Entscheidungen überhaupt.

weitere Einwände

  • unbestimmtes Bereitschaftspotential vs. bestimmte Handlung:
    • Offenbar wird jede willkürliche Handlung von einem messbaren "Bereitschaftspotential" im Gehirn begleitet. Das "Bereitschaftspotential" scheint demnach bezüglich bestimmter Handlungen nicht spezifiziret zu sein. Wie kommt es dann aber vom unspezifischen "Bereitschaftspotential" zur ganz bestimmten Handlung, z.B. Finger krümmen, diesen Text schreiben? Das bleibt unerklärlich, wenn man nicht einen bewussten Entscheidungsakt annimmt.
    • Und angenommen, der Aufbau eines "Bereitschaftspotentials" sei schon die "Entscheidung" des Gehrins zu einer bestimmten Handlung: Dann müsste es doch - im Prinzip - eine messbare Vielfalt von "Bereitschaftspotentialen" geben. D.h. das "Potential" zur Handlung Finger krümmen, müsste sich unterscheiden vom "Potential" zur Handlung aufstehen und ins Schulzimmer gehen!
  • Anwendung der Theorie auf sich selber
    • Ist es plausibel anzunehmen, dass Libets Hirn sich dazu entschieden hat, das Libet-Experiment durchzuführen, noch bevor Libet selber davon wusste?
    • Wenn Bewusstsein in der Tat ein Epiphänomen des Gehirns ist, dann ist es sinnlos wissenschaftliche Theorien aufzustellen und zu erwarten, dass sie Skeptiker zu überzeugen vermögen. Denn die Anhänger wie die Skeptiker vertreten ihre Position ja nur augfrund einer - sagen wir - neuronale Konstellation, nicht aufgrund eines überprüfbaren Wahrheitsanspruchs. Wenn also Epiphänomenalisten weiterhin publizieren und Gegner zu überzeugen versuchen, dann handeln sie höchst inkonsequent.

Anmerkungen:
  • Ich bestreite keineswegs, dass mein Bewusstsein, meine Absichten, Abneigungen, Wünsche, Gelüste irgendwie in dieser seltsam gewundenen Masse in meinem Kopf "entstehen" und dort auch "gespeichert" sind. Was mich nicht überzeugt, ist, dass solche kognitiven Funktionen (im weitesten Sinne) mit Gehirnprozessen identisch oder blosse Epiphänome von Gehirnprozessen sein sollen. Bewusstsein (grob gesagt) sollte (noch gröber gesagt) als eigenständiges Phänomen begriffen werden, also (jetzt aber sackgrob) als emergente oder superveniente Eigenschafft des Gehrins.
  • Der aktuelle Kenntnisstand über das Gehirn (vgl. z.B. Johannes Kuchta, Biologische Grundlagen der Hirnanatomie und Hirnphysiologie, in Assmann (2001), S. 221ff.) reicht nicht aus, um das Verhältnis von Bewusstsein und Hirn aufzuklären. Was man bzgl. dem Zusammenspiel von kognitiven Leistungen und Gehirnprozessen weiss, beschränkt sich offensichtlich auf räumliche Zuordnungen, d.h. man weiss, welche Hirnareale bei welchen geistigen Tätigkeiten elektrische bzw. chemische Aktivität zeigen. Angesichts der Messmethoden ist das ja schon viel: EEG => Messung elektrischer Aktivität; PET => Messung der Hirnstoffwechselaktivität.
  • Das Libet-Experiment hat den Charakter eines wissenschaftlichen Gerüchts - oder zeigt, dass auch "harte" Eissenschaft eîne bestimmte Art von Erzählung ist. In einem Artikel aus dem NZZ Folio steht z.B., die Probanden hätten nicht den Finger krümmen, sondern das Handgelenk knicken müssen. Ausserdem steht nichts von den ethisch-rechtlichen Aspekten, die eine Wiederholung des Experiments ausschliessen sollen (Assmann (2001), S. 275). Man habe den Probanden einfach Elektorden an Kopf und rechtem Handgelenk angesetzt. Man sollte sich also die Mühe machen, Libets Originalartikel zu konsultieren.
  • Übrigens gibt es noch andere Einwände gegen eine platte Reduktion von Geist auf Hirn: u.a. von K.R. Popper (Biblionetz:p00034) oder J.R. Searle (Biblionetz:p00020).

Bibliographie:

-- DominiqueBurger - 02 Apr 2004