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Das Ende

14 Jan 2005 - 00:25 | Version 3 |
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„Es ist reichlich spät, um über das Leben nachzudenken, denn es verschwimmt mir vor dem Auge und schwindet, wird schwächer und schwächer mit jedem Atemzug.“ sprach der Mann in dem tiefen Brunnen, seinem Gefängnis langer Zeiten. Seine Wangen lagen im Gesicht wie Fremdkörper und sein Torso schien jeden Moment von den Rippen durchstossen werden zu wollen. Schon lange war sein Peiniger nicht mehr aufgetaucht; die dunkle Gestalt oberhalb der feuchten Mauern, da wo das Gras wuchs und das Leben seinen Lauf nahm. Durch sein Himmelsfenster konnte der Alte den Himmel sehen. Manchmal sah er die Wolken vorbeiziehen. Manchmal war der Himmel gänzlich blau, durch und durch blau und nichts erinnerte ihn mehr an die Wolken. Und manchmal fielen aus grauem Hintergrund Regentropfen bis zu ihm herunter, die er mit seiner Zunge zu stoppen wusste. „Reichlich spät“ sprach der Mann erneut, und jedes Wort schien ihm schwerer von den Lippen zu gehen. Noch vor Tagen hatte er den Himmel über sich als einziges Dach gewähnt. Jetzt schämte er sich dafür, ihm so wenig Beachtung geschenkt zu haben. Und wenn bisweilen ein kleiner Vogel oben auf dem Brunnenrand sein Lied sang, schien die träge Schwermütigkeit aus den feuchten Brunnenmauern geradewegs in ihn hinein zu kriechen. “Wie schwer es doch ist, alles recht zu machen.“ fuhr der Alte leise fort. Seine Gedanken rasten, was bei seinem Anblick jeden verwundert hätte. Erinnerungen kamen auf, und damit Vorwürfe zuhauf, was alles im Versäumnis und in der Flucht in die Arbeit versunken war. Nicht einmal seine Frau hatte er noch zärtlich zu wiegen und begehren vermocht. Und jetzt, jetzt hat sich sein Horizont verkleinert, auf einen doch so bescheidenen Himmelsstreifen, welcher ihm nun desto interessanter schien als all die Unterhaltungen, welcher sich die Menschen so zum Zeitvertreib bedienten. „Zeitvertrieb“, stöhnte er. Er wüsste nun ganz genau, wohin mit der Zeit.

Langsam, wie jemand, der die aufgehende Sonne am Horizont verfolgt, hob er sein Haupt; ein letztes Mal wollte er sich des Himmels erfreuen. Doch sein letzter, innigster Wunsch blieb ihm verwehrt: Auf halbem Wege entschwanden ihm die Kräfte und sein Kopf fiel zurück in die Brust. Sein Leben, so zart und instabil zwischen Himmel und Erde gespannt, wurde von starken Winden bedroht, von Regentropfen ins Wanken gebracht und von der Stille zerstört.

Kommentar von Dani: Ich gratuliere dir, denn ich finde, du hast zu einem sehr schwierigen Bild einen Text geschrieben, der mich als Leser zum nachdenken anregt. Sehr gelungen scheint mir im zweiten Absatz der Vergleich des Wetters mit den Hochs und Tiefs des Lebens. Über den Schluss müsste ich noch länger nachdenken, denn mir ist nicht ganz klar geworden, warum die Stille den Mann zerstört hat.