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-- GuenterZumbach - 29 Jun 2004

Hässlichkeit in Ewigkeit, Amen?


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Na Klasse. Von all den schönen, tollen und wunderbar faszinierenden Bildern, die in diesem architektonisch ausgeklügelten Gebäude von Kunsthaus ihr Zuhause gefunden haben, musste ich mir ausgerechnet dieses hier aussuchen. Das wohl hässlichste Bild aller Zeiten. Nun ist es meine, so simpel sie auch tönen mag, komplexe Absicht, mir einen Zugang zu diesem Bild zu verschaffen. Das Tor zu öffnen, in die Welt dieses Bildes abzutauchen und einen tieferen Sinn zu finden, wie ein Meeresforscher auf der Suche nach im Meeresgrund verborgenen Schätzen. Die entscheidende Frage ist nun: „Worin liegt der Schlüssel“? Welches Element dieses so eindimensionalen und irgendwie doch vielschichtigen Bildes, wird mir erlauben das besagte Tor zu öffnen? Die lange Kette von kuriosen, zentral erscheinenden Elementen dieses Bildes beginnt schon mit dem Titel, der „Madonna“ lautet und unpassender nicht sein könnte. Meine Vorstellungen von einer Madonna schwanken so irgendwo zwischen Heiligenfigur und Popstar. Die darauf abgebildete, ich sag jetzt mal, Dame jedoch, ist weder anbetungswürdig, noch rechne ich ihr die geringsten Chancen aus, im harten und erbarmungslosen Business des Pop zu bestehen. Nein, mit einer Madonna hat dieses Bild wahrhaftig nichts zu tun. Müsste ich es einem vorübergehend erblindeten Besucher des Kunsthauses beschreiben, so würde ich ihm sagen, er solle sich die schönste ihm bekannte Frau vorstellen und sich ausmalen, wie er mit ihr gemeinsam, Hand in Hand, im Rot eines sommerlichen Frühlingsabends, über goldglänzende Weizenfelder Richtung Sonnenuntergang schwebt und dabei von Vögeln begleitet wird, die „OH Happy Day“ zwitschern. Wenn man nun dieses frohlockende Lebensgefühl in das totale Kontra schwanken lässt, so ist man exakt auf der Stimmungsebene angelangt, die einem dieses Bild unweigerlich vermittelt. Was der Maler da zu Papier brachte, ist wohl das Schlimmste, was Mutter Natur erschaffen könnte. Der Tiefpunkt ihrer von Evolutionen bestimmten langjährigen Karriere, als Schöpferin von Lebewesen aller Arten. Wie sie da steht, in der Leere eines dunkeln Raumes, ihr Körper, nicht viel mehr als eine Silhouette, ihr Lächeln, erzwungen und ihre Augen, nichts sagend wie die Leere selbst. Dieses aussagelose, für Aussenstehende kaum erreichbare Stehen im Raum verleiht ihr etwas überirdisches, Fremdes. Kahl und kühl definiert sie meine persönliche Vorstellung von Hässlichkeit. Eine sowohl erschreckend ehrliche als auch extrem oberflächliche Betrachtungsweise, der man, trotz allem, eine gewisse Zustimmung nicht verwehren kann. Doch nun, so wie ich hier sitze, immer noch fanatisch auf der Suche nach dem entscheidenden Schlüsselteil, frage ich mich jedoch, was hat mich damals, an diesem famosen Wintermorgen, dazu bewogen gerade dieses Bild auszuwählen? Was hab ich mir dabei gedacht, als meine Wahl auf dieses Bild fiel? Auch wenn es mir, rein vom ästhetischen Aspekt her, nicht im geringsten gefällt und ich mir auch nicht recht ausmalen kann, was es mir sagen möchte, so hat es doch eine gewisse Faszination auf mich ausgeübt, sonst hätte ich es ja nicht gewählt. Das, was mich an diesem Bild von Anfang an faszinierte, war sein Humor. Nicht so sehr die Tatsache des Besitzes, sondern vielmehr die Art. Es war nicht dieser unfreiwillige Humor wie der des Künstlers, der , in einem Akt der extrovertierten Langeweile, seine Zeitung in die Waschmaschine legte und dann die daraus resultierenden, frisch gewaschenen, Zeitungsschnipsel zu einem Bild zusammen klebte. Es war auch nicht dieser plumpe Humor wie der der Skulptur mit den ungewohnten Proportionen. Nein, dieses Madonna-Bild hatte wirklich Witz. Sein Humor bewegte sich immer schön entlang der Grenze der Provokation. Kratzend, doch nie überschreitend. Die zu Zähnen aufgeklebten Kieselsteine, die farbliche Eintönigkeit, die allgemein abstossende Erscheinung und der Mut dem Ganzen noch pointiert den Namen „Madonna“ zu verleihen. All diese Elemente verbinden sich zu einem Sarkasmus mit leichtem und doch unverkennbarem Hang ins Zynische. In diesem Kunsthaus absolut einzigartig. Wenn auch nur unbewusst, war es wohl das, was für mich die Anziehungskraft dieses Bildes ausmachte. Doch der Spass war nur von kurzer Dauer. Je länger ich mich mit dem Bild auseinandersetzte, desto vertrauter wurde mir das Ganze, bis die Faszination schlussendlich ganz verflog. Was blieb, war die Pflicht mich darüber zu äussern, ein verstörter kurzzeitig erblindeter Besucher und die Hässlichkeit. An diesem Punkt angelangt, noch immer vor verschlossenem Tor, das keine Anstalten macht sich, auch nur um einen Spalt, zu öffnen, macht sich langsam die Verzweiflung breit. Was will mir dieses Bild bloss sagen? Es muss doch einen Grund gegeben haben, warum dieses Bild gemalt wurde. Doch was ich auch tue, ich sehe bloss die Hässlichkeit. Langsam kommen Selbstzweifel auf. Bin ich so oberflächlich? Ich komme mir vor wie ein Angeklagter vor Gericht. Die Madonna auf der Anklagebank zeigt mit dem Finger auf mich und bezichtigt mich der Oberflächlichkeit. So in meinen Gedanken versunken, verschmelzen die Grenzen zwischen Wirklichkeit und gemalter Fiktionen, bis mir auf einmal alles klar wird. Ich bin unschuldig. Ich kann nichts für meine Oberflächlichkeit. Ich wurde vom Bild in die Oberflächlichkeit getrieben. Diesem Bild fehlt das, was einem als einziges einen tieferen Blick in die Gefühle eines Menschen ermöglicht. Das dominierende Element, wenn es darum geht, Gefühle auszudrücken. Sie zeigen, was der Rest des Körpers verbergen kann. Diesem Bild fehlen die Fenster der Seele. Diesem Bild fehlen die Augen. Schlüssel gefunden. Langsam und voller Anmut öffnet sich das Tor und lässt mich abtauchen in die herbeigesehnten, auf den Pfeilern des Talents und der Kreativität des Malers erbaute Welt der Madonna. Und plötzlich wird aus dem aussagelosen, unnahbaren Bild ein Gemälde mit Symbolkraft. Die Hässlichkeit ist nicht mehr nur bloss die Hässlichkeit, sondern ein Mittel, das die Intensität der Aussage verstärkt. Dieses belanglose Bild bekommt plötzlich eine Bedeutung. Plötzlich macht alles Sinn, auch wenn ich keine Ahnung habe, ob dieser Sinn auch im Sinne des Malers war und ob er nicht etwas völlig anderes damit aussagen wollte. Ein Schriftsteller bezeichnete einmal die eigene Empfindung als ein Naturrecht des Menschen. Er sprach von einer Subjektivität des Verstehens. Und so werde auch ich es handhaben. Egal, was ich noch über dieses Bild erfahren werde, egal, was ich noch über dieses Bild lesen, hören oder sehen werde, auch egal, wenn mir der Maler persönlich in einer emotionalen Rede mit Tränen in den Augen schildern würde, was er damit aussagen möchte, für mich wird die Madonna immer nur eines sein: ein beeindruckendes Symbol für die Ausdruckskraft der Augen. Mein Schlüssel, bis in alle Ewigkeit. So sei es.